VN-Serie. 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil (2 von 5)

Als der Pfarrer das Heuen erlaubte

von Thomas Matt
Die VN widmeten der Konzilseröffnung drei Zeitungsseiten.
Die VN widmeten der Konzilseröffnung drei Zeitungsseiten.

Das Zweite Vatikanische Konzil machte einen Aufbruch sichtbar, der schon im Gange war.

Schwarzach. Arg vereinfacht sieht es für viele so aus: Vor dem Konzil war die katholische Kirche erstarrt, unnahbar. Danach haben nur Ewiggestrige die Wende nicht verstanden.

Eugen Giselbrecht (80) aus Doren würde das so nicht stehen lassen. Er hat die Zeit davor erlebt. Der langjährige Seelsorgeamtsleiter der Diözese erzählt zunächst begeistert von „einem ungeheuren Aufbruch“ im Gefolge des Zweiten Weltkriegs.

Glaube hilft nach dem Krieg

Nach der völligen menschlichen Bankrotterklärung stand Glaube wieder hoch im Kurs. Die katholische Arbeiterbewegung lebte auf, Frauen- und Männerbewegung, die Jungschar entstanden. „Wir sind alle 14 Tage in die Betriebe gegangen und haben Aktivistenrunden abgehalten nach den Grundsätzen Sehen, Urteilen, Handeln.“ Giselbrecht erinnert sich, dass der so autoritäre Bischof Paulus Rusch selber jeden Herbst die Jugendseelsorge konzipiert hat. Kirche vor dem Zweiten Vatikanum, das war auch die Zeit, in der die Diözese in Innsbruck ein Priesterseminar mit 100 Plätzen baute, die Zeit, in der Karl und Hugo Rahner Theologie lehrten. „Das Bibelstudium war kaum vorgesehen, aber die Dogmatik war groß.“

Das Volk als stumme Zeugen

So stark die Kirche im Leben der Menschen verankert war – „in den Dörfern hat der Pfarrer am Sonntag in Ausnahmefällen von der Kanzel herab das Heuen erlaubt“ – so wenig war ihr an Verständlichkeit gelegen. Die Messbücher, die verwendet wurden, waren im 16. Jahrhundert geschrieben worden und hatten sich seither kaum verändert. Volk und Priester agierten fast völlig getrennt voneinander. „Der Priester las die Messe in Latein, die Ministranten gaben ihm Antwort.“ Beides geschah leise, erinnert sich Giselbrecht: „Wir (das Volk) haben während des ganzen Gottesdienstes Rosenkranz gebetet.“

Der Katechismus lehrte „Opferung, Wandlung und Kommunion“ als einzige Bestandteile der Messe. Evangelium und Predigt mussten als „Vormesse“ gar nicht besucht werden. So sah man am Sonntag die Männer vor der Kirche debattieren, rauchen und warten, während drinnen der Pfarrer halt den Frauen predigte.

Manche wollten mehr. Dann kauften sie wie Giselbrechts Vater ein deutschsprachiges Messbuch namens „Schott“, um dem Geschehen am Altar folgen zu können. Liturgische Reformschritte hatte ja schon der Augustinerchorherr Pius Parsch in den 1920er-Jahren gesetzt.

Und doch: Dass sich die Priester eines Tages dem Volk zuwenden und die „heiligen Texte“ in Deutsch, Französisch oder Englisch sprechen würden, ein Volks- statt ein Hochaltar, das hielten viele noch am Eröffnungstag des Konzils, am 11. Oktober 1962, für unvorstellbar.

Als obersten Ausdruck dieser Distanz des Klerus mag man „den großen aristokratischen Papst Pius XII.“ sehen. Giselbrecht schreibt ihm „eine ungeheure Strahlkraft“ zu. „Der wirkte wie aus einer anderen Welt.“ Dreimal fuhr der junge Theologiestudent nach Rom, „einmal sogar mit einem Dreigang-Fahrrad“, nur, um den Papst zu sehen.

Ihm folgte am 28. Oktober 1958 Johannes XXIII. als 261. Papst, und Giselbrecht war erst einmal enttäuscht: „So ein dicker, alter Mann.“ Aber dann „wurde dieses Pontifikat zu einer Sternstunde der Kirchengeschichte“. Begeistert verfolgte Giselbrecht in Zeitungen und am Radio das Geschehen des Konzils.

„Damals“, sagt er heute, „herrschte Frühling in der Kirche. Aber zu einem blühenden Sommer ist es leider nicht gekommen.“ 1

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Eugen Giselbrecht hat die vier Konzilshefte des Jesuiten und Journalisten Mario von Galli aufbewahrt. FotoS: vn/mATT, Diözese
Eugen Giselbrecht hat die vier Konzilshefte des Jesuiten und Journalisten Mario von Galli aufbewahrt. FotoS: vn/mATT, Diözese
Priester feierten die Messen mit dem Rücken zum Volk.
Priester feierten die Messen mit dem Rücken zum Volk.
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