Gedanken zum Sonntag. Von P. Martin Werlen, Propst von St. Gerold

Von verschiedenen Zweifeln und ihren Ursachen

von Redaktion

St. Agnes in Köln sendet Liebesgrüße nach Rom.  Erik Flügge

Spannender Abend mit einem Sexworker

Vor ein paar Tagen hatte ich einen spannenden langen Abend mit einem Sexworker. Das erste Mal übrigens. Wir verbrachten zwei Stunden miteinander. Einige werden jetzt ihre geübten Fantasiebahnen bereits heißlaufen lassen. Sie muss ich enttäuschen. Sex war nicht das Thema. Wer mir den Sexworker vermittelt hat? Die Glaubenskongregation. Und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Das kürzlich veröffentlichte Papier der Glaubenskongregation antwortet auf einen der Kongregation vorgetragenen Zweifel, ob die Kirche die Vollmacht hat, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen. Tatsächlich: Es gibt Zweifel und Zweifel. Eigentlich bin ich dankbar, dass ich andere Zweifel habe…

Menschen am Rande

Weil ich die Stellungnahme der Glaubenskongregation auf Twitter mit einem Zitat aus einem meiner Bücher kritisch hinterfragte, wurde ich vom Sexworker ganz gehörig herausgefordert. Er hielt meine Stellungnahme für homophobe Volksverhetzung. Das Schreiben der Glaubenskongregation kannte er nicht. Wir beide stellten uns dem Konflikt. Über Twitter kamen wir in einem Hinterzimmer ins vertrauliche Gespräch und lernten miteinander viel übers Leben und über den Glauben. Wir folgen uns jetzt sogar. „Damit folgt ein Mönch nun einem streng evangelischen Sexworker!“, meinte der überraschte Mann humorvoll. Er hat meine Augen geöffnet für eine Wirklichkeit, die ich bisher kaum wahrgenommen habe. Ich lernte Freuden und Nöte von Menschen kennen, die in unserem kirchlichen Radar nicht erfasst werden, es sei denn im nichtwissenden Verurteilen oder im Heimlichen. Am meisten gefreut hat mich seine Feststellung: „Mich geht es nicht an, ob du sexuell normal, hetero oder homo bist. Ich weiß nur, dass du Gott genauso liebst wie ich“ und ich ergänzte: „und wir beide von Gott genauso geliebt sind.“ Eine solche Haltung würde guttun, wenn sie in Stellungnahmen der Glaubenskongregation glaubwürdig daherkäme. Die Mutter eines homosexuellen Sohnes bekannte einem Seelsorger: „Realisiert der Vatikan, was die benützte Sprache anrichten kann? Sie kann töten!“ Alle, die von Kirchenmännern einmal mehr verletzt wurden, können wir um Verzeihung bitten und uns gegen solches Gehabe entschlossen zur Wehr setzen.

Unsere Zweifel

Der bei der Glaubenskongregation gelandete Zweifel und die Antwort darauf lassen vermuten, dass es offensichtlich Menschen gibt, die Schwule nur vom Sex kennen. Müssten wir unsere Zweifel nicht vielmehr dann anmelden, wenn Menschen diskriminiert, verachtet oder übersehen werden – gleich welcher Glaubensgemeinschaft, gleich welcher Hautfarbe, gleich welchen Geschlechts sie sind – und die Kirche schweigt? Oder wenn die Macht missbraucht wird und Menschen fertiggemacht werden? Diese Zweifel erreichen die Glaubenskongregation offenbar noch nicht. Meine Zweifel sind es, ob wir die Menschen am Rande der Gesellschaft sehen und aufnehmen, aber auch die Menschen am Rande der Kirche. Drängen wir sie nicht oft durch peinliche Zweifel und gut gemeinte Klärungen noch mehr ins Abseits?

Wo es keinen Zweifel gibt

Jesus hat sich damals besonders mit den Menschen abgegeben, die am Rande der Glaubensgemeinschaft waren. Nirgendwo hat er sich auf eine solche Weise geäussert, dass sie sich noch mehr an den Rand gedrängt fühlen mussten. Im Gegenteil. Er hat sie aufgerichtet, sie in die Mitte gestellt, sie anderen als Vorbilder präsentiert, mit ihnen Mahlgemeinschaft gehalten. Das ist auch heute der Weg dieses Jesus von Nazareth! Er hatte vor allem seine Mühe mit denen, die sich als Hüter des Glaubens sahen und Angst um irgendwelche Regelungen hatten, die von Gott besonders geliebten Menschen aber mit frommen Sprüchen auf der Seite ließen. Und warum sollte das heute nicht so sein? Trotzdem bin ich der Glaubenskongregation dankbar für die Note. Sie kann uns prophetisch – wenn auch nicht beabsichtigt – die Augen öffnen für die Sendung der Kirche heute. So viel Bewegung in festgefahrene Fixierungen der Kirche im Bereich der Sexualität hat wohl schon lange kein römisches Dokument mehr gebracht. Von Leuten, die sich schon lange von der Kirche verabschiedet haben, bis hin zu Bischöfen erheben Menschen weltweit ihre Stimme, weil sie dem Evangelium gehorsam sein wollen. Sie stehen auf und senden sogar unübersehbare Liebesgrüße nach Rom. Wagen wir den Schritt zu den Menschen am Rande der Gesellschaft und der Kirche! Kehren wir bei ihnen ein und bitten wir Gott um seinen Segen für sie! So hat es Jesus getan. Da gibt es keinen Zweifel!

P. Martin Werlen, Propst von St. Gerold.

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