gedanken zum sonntag. Von Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns

Die eigene Großzügigkeit erkennen

Großzügigkeit ist sehr wichtig im Leben. Fotolia

Großzügigkeit ist sehr wichtig im Leben. Fotolia

In der Geschichte von der Witwe aus dem Markusevangelium (12,38-44) erleben wir Jesus in der Rolle des Systemkritikers. Eine arme Witwe wird zum positiven Gegenstück der Schriftgelehrten der damaligen Zeit. Jesus kritisierte die Pharisäer und Schriftgelehrten, weil diese sich immer wieder bemühten, die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. Sie kannten die heiligen Texte und legten sie für das Volk aus, lebten aber in Wirklichkeit oft ganz anders: Wasser predigen und Wein trinken. Diese spirituelle Krankheit – so scheint mir – gibt es zu jeder Zeit. Schein oder Sein – diese Frage begleitet die Menschen und stellt sie vor neue Herausforderungen.In Österreich werden wir in diesen Tagen an die Unterzeichnung des Waffenstillstands, an das Ende des Ersten Weltkrieges und die Ausrufung der Ersten Republik vor hundert Jahren erinnert. Angesichts dieser Erinnerung und der momentanen Situation erhält die Warnung Jesu vor unaufrichtigem Verhalten, vor dem Missbrauch von Reichtum, Macht und Gewalt – auch in der Sprache – besondere Aktualität. Er ruft zu anderen Wertigkeiten im Leben auf.

Leben ist ein Ganzes

Der Schrifttext nach Markus weist auf einen sehr wesentlichen Punkt des Christ-Seins hin: dass es nämlich immer um alles geht, vor allem in Bezug auf Barmherzigkeit, Großzügigkeit, auf Vertrauen und auf die Liebe, die das Ganze meint. Eine arme Witwe, die Jesus am Opferkasten beobachtet, wird für ihn in diesem Zusammenhang zum lebendigen Zeichen für das, was er in seinem prophetischen Herzen will: Gottesdienst und Menschendienst zusammenführen. Diese Erzählung will Mut machen, neben der Haltung des Gottvertrauens auch die Wertschätzung des Kleinen, Unscheinbaren und doch ganz Großen und Wichtigen neu zu erkennen. Obwohl die Witwe selber nichts von ihrer Größe weiß, stellt sie uns Jesus als Beispiel hin. Vielleicht lässt uns ihr Beispiel Situationen in unserem Lebensumfeld wahrnehmen, in denen es wichtig ist, nicht vom Überfluss zu geben, sondern von meinem eigenen Leben, meiner Kraft, meiner Zeit, meiner Liebe. Und vielleicht wird mir gerade darin neuer Reichtum geschenkt. Nicht fromme Show, sondern Durchdrungensein von Glaube und Vertrauen, das ist Jesus wichtig, das taucht in seinen Gleichnissen und Worten immer wieder auf, dazu lädt er ein.

Kleine Münzen haben oft große Wirkung

Jesus bewertet das Opfer der Witwe nicht nach dem Material-, sondern nach dem Symbolwert. Und als Symbol ist es klar: Sie hat alles in den Opferstock geworfen, worauf sie ihre materiellen Hoffnungen setzen konnte, und das war wenig, denn die kleinste aller Münzen hatte kaum einen Wert. Dennoch setzt die Witwe mit ihrer Spende ein Zeichen: Sie vertraut auf Gottes Vorsehung. Jesus will uns aufrütteln aus unseren selbstgemachten Sicherheiten. Es geht um Nähe und Distanz.

Hebe ich mich durch mein Gehabe von den anderen ab oder betrachte ich Menschen als gleichwertig. Stimmt das Äußere mit dem Inneren überein? Wenn ein Mensch um seinen Wert weiß, hat er oder sie es nicht notwendig, sich von anderen durch bessere Kleidung, durch vorderste Plätze u. Ä. hervorzutun. Je mehr Vertrauen wächst, desto mehr schwindet die Angst, zu kurz zu kommen.

Sich selbst ins Spiel bringen

Jesu Worte lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Er warnt vor der Zur-Schau-Stellung von Reichtum und Einfluss durch das, wie man sich gibt oder was man von anderen erwartet. Was viel und was wenig ist, ist nicht – jedenfalls nicht nur – eine Sache der Zahl auf der Münze oder dem Geldschein. Es ist zuerst eine Sache des Herzens. Entscheidend ist nicht, wie viel man hat und kann. Entscheidend ist, ob man das, was man kann, tatsächlich einsetzt. Gott lässt beim Geben viel Freiraum. Er sucht das Herz dahinter. Rationales Kalkül und Gewissensbisse legen sich leicht wie ein Schatten darüber. Der Meditationslehrer Henry Nouwen: „Wann wird Gott endlich all meine Abwehrhaltungen durchbrechen, damit ich ihn nicht nur mit meinem Verstand, sondern auch mit meinem Herzen erkenne?“ Die Witwe in der Erzählung hat diese Hürde übersprungen und war imstande, alles hinzugeben.

Lassen wir uns nicht um die Freude und Leichtigkeit bringen, die mit dem spontanen Geben und dem Einsetzen der Fähigkeiten verbunden sind. Mich erfüllt Dankbarkeit, wenn ich solche Solidarität, Zutrauen und Engagement in meiner Umgebung, in meinem Freundeskreis und in meiner Gemeinschaft erlebe.

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