Gedanken zum Sonntag

Von Mose bis Albrecht


               Foto: Ariane Grabher

 Foto: Ariane Grabher

Zurzeit gibt es bei uns einen kulturellen Höhepunkt nach dem andern. Für mich war so einer die Oper „Mose“. Die Erzählung von der Befreiung Israels wurde großartig und berührend dargestellt. Die musikalisch-spielerische Umsetzung dieser Geschichte und die theologische Deutung sind allerdings zwei verschiedene Paar Schuhe.

Kein willkürlicher Macher-Gott

Straft er die Ägypter und zwingt er sie mit Katastrophen in die Knie, wie berichtet wird?

Ersäuft er die einen und rettet er die anderen durch die Wasserfluten hindurch, die sich wie Mauern auftürmen? „Man kann die Bibel wörtlich nehmen oder ernst. Ich schlage vor, wie nehmen sie ernst!“, sagt der jüdische Theologe Pinchas Lapide. Man muss sich also immer fragen, welche Glaubensbotschaft ein Bibeltext vermittelt. Das eine ist die „Verpackung“, die Form, das andere der Inhalt. In diesem Fall drückt die Exodus-Erzählung das Glaubensbekenntnis des Volkes Israel aus: „Dass wir damals aus der Sklaverei in die Freiheit gelangten, ist das reinste Wunder, das verdanken wir allein Gott!“ Alle anderen „Geschichten“ drum herum sollen nur diese Aussage verstärken.

Anders als in der Oper

Die kleinen Puppen in der Oper wecken die Vorstellung, dass Gott so ähnlich mit uns spielt und uns wie Marionetten an den Fäden hält. Solche Gedanken widersprechen unserem Gottesbild, das von Jesus geprägt ist. „Ihm, Jesus, glaube ich Gott“, sagt Kurt Marti. Und deshalb ist unser Gott ein erbarmender und liebender, kein strafender. Die Grundmelodie des Christentums ist das Lied der Freiheit, der Menschenwürde, der Barmherzigkeit. Und noch andere Züge Gottes tauchen auf: Er ist ein mitgehender Gott, einer, der eine Geschichte mit uns hat und sich mit uns verbündet.

Es geht immer um den
Menschen

und um das Bild, das wir von ihm haben.

Ein weiteres besonderes Erlebnis wurde mir bei der Eröffnung der Ausstellung von Herbert Albrecht geschenkt. Er beeindruckt durch seine Offenheit, Einfachheit, Herzlichkeit und durch seine großartige künstlerische Tätigkeit als Bildhauer. Zwei Aspekte berühren mich bei ihm ganz besonders. Er formt vor allem Menschenköpfe und -gestalten, stehende und liegende, weil ihn eben der Mensch interessiert. Dabei lässt er die unwichtigen Details weg, er abstrahiert und reduziert seine Plastiken auf das Wesentliche, auf die Grundformen, immer mit der Frage: Wer ist dieser geistbegabte Zweibeiner? Bei seinen Kunstwerken spüre ich persönlich auch einen großen Respekt vor dem Menschen als solchem heraus, oder, christlich formuliert, in seinen Werken kann man die Größe und das Geheimnis des Menschen als Ebenbild des Schöpfers erahnen.

Das Material ist wichtig

Als Herbert Albrecht gefragt wurde, warum er vor allem mit Stein, dem harten, festen Material arbeite, antwortete er: „Weil sich der Stein dem leichtfertigen Umgang mit ihm widersetzt!“ Es ist ja unendlich mühsam, die Figuren aus den Steinblöcken herauszufräsen, -meißeln, -schleifen, Tage um Tage, Stunden um Stunden. Dieses Dranbleiben an einer Sache und ausdauernde Weitermachen praktizieren auch viele Menschen in getreulichen Diensten für andere. Das geschieht nicht einfach so locker und gibt ihrem Leben Größe.

Als ein Bub den großen Michelangelo fragte: „Woher wusstest du, was du wegschlagen musst, um diesen Mann aus dem Stein zu befreien“ sagte er, eine klügere Frage sei ihm noch nie gestellt worden (zit. bei Michael Köhlmeier). Ich halte das für einen ungeheuer künstlerischen und schöpferischen Akt, die Vision einer Gestalt, einer Form aus einem Block herauszuschälen. Gilt ähnliches nicht für unser eigenes Leben, das uns wie ein unbehauener Marmorblock übergeben ist? Unsere Aufgabe ist es, wie ein Steinbildhauer in geduldiger Arbeit das aus uns herauszuholen, was in uns steckt. Das ist sicher viel mehr, als wir oft meinen. Dabei ist tröstlich, dass unser Lebenswerk nicht perfekt sein muss. Wir dürfen auch als Torso, also unfertig, unvollendet sterben. Die Vollendung steht für uns alle noch aus, die schenkt uns einmal Gott.

Von Mose bis Albrecht spannt sich der Bogen der großen Fragen, was es um den Menschen ist, was seine Abgründe und Sklavenhäuser sind und was seine Größe ausmacht. Jedes Kunstwerk, egal welcher Art, führt uns zu uns selbst.

Elmar Simma, Vikar, Feldkirch

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