Gedanken zum Sonntag

Warum der Schäfer jedes Wetter liebt

Das Leben ist ein Wechselspiel von guten und schlechten Tagen.

Was für ein Wetter war das heuer im Sommer. Wunderschöne Sonnentage wechselten mit Regentagen, heißen Tagen folgten ein Kälteeinbruch und ein Starkregen, an vielen Orten gab es Überschwemmungen und Vermurungen. Und im Erleben der weiten Welt war es nicht anders. Berichten von wunderschönen Urlaubszielen folgten Berichte von schrecklichen Terroranschlägen mit vielen Toten. Ist es in unserm eigenen privaten Leben anders? Da folgen auch auf strahlende Glückstage Tage, an denen wir meinen, das Pech gepachtet zu haben. Anthony de Mello, der Jesuit aus Indien, hat viele lehrreiche Weisheitsgeschichten geschrieben. So auch jene vom Schäfer, der jedes Wetter liebt.

Ich kann das Leben so lieben lernen, wie es ist

Ein Wanderer trifft einen Schäfer und fragt ihn: „Sie können mir sicher sagen, wie heute das Wetter wird!“ Der Schäfer überzeugt: „Genau so, wie ich es gerne habe.“ Der Wanderer verdutzt: „Woher wissen Sie, dass es genau so sein wird?“ „Mein Freund, meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich nicht immer das bekomme, was ich mir wünsche. Deshalb habe ich gelernt, stets das zu mögen, was ich bekomme. Und so bin ich mir sicher, das Wetter wird heute so sein, wie ich es mag.“

Ich kann lernen, auch in schlechten Tagen Gutes
zu entdecken

Was immer geschieht, es liegt an uns, Glück oder Unglück darin zu sehen. Das ist wohl die große Kunst des Lebens, nicht darüber zu jammern, was mich trifft, sondern aus dem, was auf mich zukommt, das Beste zu machen. Es kommt darauf an, in dem, was mich trifft, auch das Positive oder sogar einen neuen Anfang zu sehen. Arthur Rubinstein, der große Konzertpianist, berichtet in seinem Rückblick auf sein Leben: Er wollte sich als junger Mensch umbringen, es gelang ihm nicht. Da stürzt er in das Freie und entdeckt so vieles, über das er sich freuen kann: die Sonne, die frische Luft und vieles mehr. Und mit seinen Gedanken verändern sich auch seine dunklen Gefühle, sodass die Sonne nicht nur in der Natur, sondern auch in seiner Seele scheint. Natürlich werden Sie sagen, dass das oft nicht so einfach geht. Ich weiß, es ist manchmal ein langer, geduldiger Prozess, bis wir dankbar werden und das Schöne mitten in allem Wirrwarr sehen können. Es gehört auch mancher nicht so leichte Schritt dazu.

Das Leben hat so wunderbare Dinge für uns bereit: Blumen, Musik, Poesie, Bücher, Gedanken, Liebe. Das kann uns niemand wegnehmen. Wir müssen nur achtsam sehen lernen und nicht jammern; das sehen, was uns geschenkt ist, und nicht das, was uns fehlt oder genommen ist.

Wenn ich dankbar werde, lerne ich das Positive zu sehen

Um das zu lernen, müssen wir lernen, dankbar zu sein, die vielen kleinen Dinge zu sehen, die uns geschenkt sind. Wir könnten anfangen dankbar dafür zu sein, dass wir in einem Land des Friedens wohnen dürfen, anstatt über die Flüchtlinge zu jammern. Wir könnten dankbar sein, dass uns niemand verfolgt, bespitzelt und verklagt. Dankbar sein, dass wir einander Worte sagen können, die tragen, und solche Worte auch von andern gesagt bekommen. Wäre es nicht schön, an einem warmen Spätsommerabend einmal ruhig zu werden und allein oder miteinander nachzudenken und auszusprechen, wofür wir dankbar sein können.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie das Leben lieben lernen, so wie es ist.

Rudolf Bischof,
Generalvikar Feldkirch

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