Esel, Hahn und Rabe

Foto: AP
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Tiere spielen im Leben der Menschen eine besondere Rolle. Auch in der Bibel. Sie gehören dazu, wenn über Fragen des Lebens und des Glaubens erzählt wird. Tiere sind nicht nur nützlich, sie haben oft auch besondere Aufgaben zu erfüllen.

Palmesel

Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche. Dazu gehört die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem. Ein junger Esel dient ihm dabei als Reittier. Bei seiner Ankunft wird er von den Menschen wie ein König gefeiert und stürmisch begrüßt. Sie breiten ihre Kleider auf den Weg und werfen ihm Palmzweige zu Füßen. Ein König auf einem Esel! Ihm würde ein Pferd zustehen. Aber ein Esel ist kein Streitross, er gilt als Symbol für den Frieden und erinnert an das Prophetenwort, nach dem der Messias machtlos erscheinen und die Kriegswaffen abschaffen werde (Sacharia 9,9-10). Auf das Hosianna-Rufen folgt innerhalb weniger Tage das Kreuzigt-ihn-Gebrüll.

Im Brauchtum ist diesem Esel besondere Ehre zuteil geworden.

Früher wurden bei den Prozessionen am Palmsonntag – um die Szene theatralisch nachzubilden – lebende Esel um die Kirche geführt. Darauf saß der Pfarrer. Weil das aber nicht immer attraktiv war und auch friedliche Esel sich mitunter gehörig störrisch verhielten, wurden sie später – samt Jesus – aus Holz geschnitzt. Einer dieser historischen Palmesel ist im vorarlberg museum zu bestaunen.

Hahn der Verleugnung

Ein anderes Tier spielt in der Passionsgeschichte auch mit: ein Hahn. Sonst gilt er als stolz. Aber hier leistet er gute Dienste bei der Erinnerungsarbeit.

Jesus war kurz vor seiner Gefangennahme noch mit seinen Freunden unterwegs in

mondheller Frühlingsnacht. In aller Klarheit eröffnete er ihnen, dass sie bald an ihm und seinem Weg irrewerden würden. Petrus fand wie immer schnell die passenden Worte, die den Meister beschwichtigen sollten: „Wenn sich alle an dir ärgern, ich will es nicht tun.“ Doch Jesus kannte ihn: „In dieser Nacht, bevor der Hahn kräht, wirst du mich drei Mal verleugnen.“ Bestürzt über diese Zumutung legte Petrus nach: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, ich will dich nicht verleugnen.“ (Matthäus 26,33-35) Dann waren sie schon im Garten Gethsemane angelangt.

Die Sache „Jesus von Nazareth“ wurde im Palast des Obersten Priesters in Jerusalem verhandelt. Petrus schlich mit Abstand dorthin. Er wollte wissen, wie es mit seinem Herrn weiterginge. Er war betroffen und neugierig zugleich. Im Hof des Palastes wurde Feuer gemacht für die Wachebeamten. Es war nachts noch kalt. Petrus war Zaungast. Der Schein der Flammen fiel auf sein Gesicht. Er wurde als Anhänger des Jesus von Nazareth erkannt. Drei Mal hintereinander bestritt er dies: „Ich kenne diesen Menschen nicht!“. Da krähte der Hahn und ihm fiel ein, was Jesus gesagt hatte. Er ging fort und weinte bitterlich. (Matthäus 26,57-75) Der Hahn hatte nicht nur die Aufgabe, den frühen Morgen zu verkünden, sondern auch die Stunde der Wahrheit auszurufen. Und das kann wehtun.

Kluger Rabe

Ein Rabe kommt nicht vor in der Passionsgeschichte. Dafür aber an anderer Stelle der Bibel. Elia, der große Prophet, litt unter der Hungersnot in seinem Land. Er machte sich auf und fand einen kleinen Fluss, aus dem er trinken konnte. Brot und Fleisch brachten ihm die Raben morgens und abends. Gott selbst hatte es so eingerichtet, wie es heißt (1. Könige 17,2-6). Seither gelten Raben als Symbol der Fürsorge. Heute weiß man auch, dass sie die Vögel mit der größten Intelligenz sind. Sie können im Voraus planen und legen ein erstaunliches Lernverhalten an den Tag. Manche Menschen könnten sich von ihnen etwas abschauen.

Irgendwann gerieten sie in Verruf und wurden zum bösen Tier. In einer Vorarlberger Gemeinde erschoss man unlängst einen Raben, genau gesagt eine Rabenkrähe. Das war noch nicht das eigentliche Problem. Aber die tote Krähe wurde an einem Zaunpfahl an den Beinen aufgehängt. Zum Zweck, andere Krähen abzuschrecken. Abschreckend aber war diese Aktion, weil sie exemplarisch zeigt, wie Menschen mit Tieren umgehen, nämlich ohne Respekt. Albert Schweitzer sprach von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ und meinte damit eine Ethik der Mitgeschöpflichkeit.

Warum sollte man in der Karwoche nicht auch für einen toten Raben, der zur öffentlichen Schau an einen Zaun gehängt worden ist, und alle anderen geschundenen Kreaturen ein Requiem geben?

Wolfgang Olschbaur, evangelischer Pfarrer i. R., Schwarzach
Wolfgang Olschbaur, evangelischer Pfarrer i. R., Schwarzach
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