Gedanken zum Sonntag

Das Ja Gottes zum Menschen

Foto: reuters
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Solange Menschen denken können, ist die Frage nicht verstummt: Was ist der Mensch, was unterscheidet ihn von allen anderen Geschöpfen auf Erden, worin besteht seine Sonderstellung? Naturgemäß sind auf diese grundlegenden Fragen die unterschiedlichsten Antworten gegeben worden. Sie hängen nicht zuletzt auch von der jeweiligen kulturellen und religiösen Zugehörigkeit ab. Einige Antworten prägen bis heute das Denken und Verhalten des abendländischen Menschen.

Aristoteles und Kant

In erster Stelle ist hier der große griechische Philosoph Aristoteles zu nennen. Er definiert den Menschen als politisches Lebewesen, das in der Hinordnung auf das Gemeinwesen existiert, für das er Verantwortung trägt. Er hat auch den Menschen als Lebewesen bezeichnet, das der Sprache mächtig ist. Mit ihrer Hilfe kann er sich den anderen Menschen mitteilen und die Wirklichkeit erschließen. In der Neuzeit hat der deutsche Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, erklärt, dass der Mensch Zweck an sich sei und nie zum Mittel für etwas anderes gemacht werden dürfte, obwohl dies immer wieder geschieht.

Verschiedene Auffassungen über den „Menschen“

In der Neuzeit gibt es unübersehbare Tendenzen, die Sonderstellung des Menschen infrage zu stellen. So hat der französische Biochemiker und Nobelpreisträger Jacques Monod den Menschen als Zigeuner am Rande des Universums beschrieben, er sei ein Zufallsprodukt der Natur. Und der Schriftsteller Arthur Koestler bezeichnet ihn sogar als „Irrläufer der Evolution“. Manche moderne Hirnforscher wollen dem Menschen sogar den freien Willen und die Verantwortung für sein Handeln absprechen.

Das Menschenbild der Bibel

Gegen diese Tendenzen sollten wir uns wehren, und das können wir am besten dadurch tun, dass wir uns auf das Menschenbild der jüdisch-christlichen Überlieferung besinnen. Auf den ersten Seiten der hebräischen Bibel wird der Mensch als Geschöpf Gottes bezeichnet. Er verdankt sich einem Größeren, darüber hinaus ist er Bild Gottes. Dies wird ausschließlich dem Menschen zugesprochen. Ihm wird damit eine herausgehobene, einmalige Stellung bescheinigt. Im Psalm 8 heißt es: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ (Psalm 8).

Weihnachten: Die Menschwerdung Gottes

Weihnachten bedeutet die Tatsache, dass Gott einer von uns geworden ist, wahrer Mensch und wahrer Gott. Dieser Gottmensch ist das eigentliche Bild Gottes, die Ikone Gottes, denn auf seinem Antlitz leuchtet uns das verborgene Wesen Gottes auf. In diesem neugeborenen Kind erhält Gott ein Antlitz, es ist das einzige „Foto“, das wir von Gott besitzen. In Jesus ist Gott uns förmlich „auf den Leib gerückt“. Daher kann man das Christentum als die „sinnlichste“ Religion von allen bezeichnen. Größer kann man vom Menschen nicht sprechen, daher hat Jesus auch gesagt: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, viel mehr habe ich euch Freunde genannt“ (Joh 15,15 f).

Der Grund unseres weihnacht­lichen Jubels

In einem Gebet zur Weihnachtszeit heißt es: „Gott, du hast den Menschen wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert.“ Diese wunderbare Erneuerung ist der Grund unseres weihnachtlichen Jubels. In Jesus hat Gott auf einmalige Weise Ja zu uns Menschen gesagt. Er hat uns für immer angenommen, und er nimmt dieses einmal gesprochene Jawort nicht wieder zurück.

Unsere eigene Menschwerdung

Zu Weihnachten feiern wir nicht nur die Menschwerdung Gottes, sondern auch unsere eigene Menschwerdung. Denn wir befinden uns immer noch auf dem Weg, Mensch zu werden. Das Bild Gottes, als das wir erschaffen worden sind, muss noch immer mehr zum Leuchten gebracht werden. An uns muss ablesbar sein, wie sehr Gott uns im göttlichen Kind nahe geworden ist. Daher ergeht an uns von der Krippe aus der Aufruf: Mach es wie Gott, werde Mensch!

Dr. Herbert Spieler, Dekan, Frastanz
Dr. Herbert Spieler, Dekan, Frastanz
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