Gedanken zum Sonntag

Zeitumstellungen

Im Blick auf die Uhr

In der kommenden Nacht werden die Uhren um eine Stunde zurückgedreht. Das bedeutet: Im Frühjahr wird uns eine Stunde „genommen“ und im Herbst dafür eine „geschenkt“. Nicht wenigen ist diese jährliche Änderung unsympathisch. Dennoch könnten wir uns fragen: Wo hat mir im Sommer vielleicht eine Stunde gefehlt? Aber jetzt bekommen wir wieder eine dazu. Was werden wir mit der machen? Länger schlafen wäre nicht schlecht. Ich lade Sie ein, ganz bewusst diese zusätzlichen 60 Minuten zu genießen, sie mit jemandem zu teilen, sie mit etwas Nützlichem, Wertvollem zu füllen.

Im Blick auf die Jahreszeiten

Die wärmende Herbstsonne und die leuchtenden Bäume tun unserem Herzen wohl. Aber die nasskalten, trüben Tage wecken in vielen eine düstere Stimmung.

Vielleicht sollten wir mehr daran denken, dass unter dem Herbstlaub am Boden schon der Frühling träumt. Ein wunderschönes Wort von Hilde Domin lautet: „Es knospt unter den Blättern, das nennen sie Herbst!“

Vordergründig sehen wir oft nur das, was vergeht, was abgefallen ist und verwest. Wir verlieren einen lieben Menschen, Eltern erfahren, dass die Ehe eines Kindes auseinandergeht, eine lebensbedrohliche Krankheit weckt schlimme Ängste, einem älteren Arbeitnehmer wird gekündigt … Aber es könnte doch sein, dass gerade hinter oder unter diesen negativen Erfahrungen schon etwas Neues wächst. Irgendwann spüren wir in der Trauer wieder Lebensmut, in Beziehungsbrüchen kann eine neue Lebensmöglichkeit wachsen, eine Krankheit fördert vielleicht eine sensiblere, aufmerksamere Einstellung, eine Enttäuschung öffnet manchmal einen überraschenden Weg.

Natürlich nicht immer, wir können auch verbittert werden und uns in uns selbst zurückziehen. Trotzdem glaube ich, dass unter allem „Laub“ bitterer Erfahrungen sehr oft ein hoffnungsvoller Schoss zu sprießen beginnt. Wir müssen nur etwas Geduld haben und warten. Der Herbst birgt immer auch die anderen Jahreszeiten in sich.

Im Blick auf die Lebenszeit.

Letzthin las ich auf einem T-Shirt den Satz: „Keine Zeit ist wie die vergangene!“ Wie wahr! Vor allem Erwachsene und Ältere klagen mitunter: „Heutzutage ist alles anders. Es geht mit uns abwärts wie auf einer schiefen Ebene.“ Das möchte sich so nicht unterschreiben. Allein schon die Lebensbedingungen sind unvergleichlich besser als früher, und älter werden wir auch. Fragen wir uns doch: Was hat sich bei mir im Laufe des Lebens zum Guten gewandelt und entwickelt? In welcher Hinsicht bin ich jedoch erstarrt, verhärtet? Trägt mich eine Hoffnung? In welchen Bereichen wäre bei mir ein Umdenken, eine Umstellung nötig?

„Leben heißt sich wandeln, und vollkommen sein, sich oft gewandelt haben.“ (Kardinal J.H. Newman).

Nur im Vergehen und Wachsen zeigt sich die Lebendigkeit.

Im Blick auf die Kirche

Vor fünfzig Jahren eröffnete Papst Johannes der XXIII. das Konzil, weil er wusste, dass wir in einer Zeit gewaltiger Umbrüche leben. Deshalb war es ihm ein großes Anliegen, das Evangelium zu „verheutigen“, das heißt, die biblische Botschaft so zu verkünden, dass die Menschen sie verstehen. Es ist nötig, auf die Fragen und Nöte der Menschen unserer Zeit einzugehen. Kurz vor dem Sterben diktierte er: „Ich weiß, dass der Augenblick gekommen ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen, die von ihnen gebotenen Möglichkeiten zu ergreifen und in die Zukunft zu blicken!“ Er war ein leutseliger Papst und suchte den Kontakt mit Menschen. Er ging gerne zu Fuß durch die Straßen Roms oder spazierte durch die vatikanischen Gärten und sprach Bedienstete an, fragte auch nach ihrem Gehalt. Deshalb gab man ihm scherzhaft den Übernamen „Johnny Walker“, Johann, der „Geher“. So wie er sollte die Kirche zu den Leuten hingehen, zu den einfachen und gewöhnlichen, um sich berühren zu lassen von ihren Sorgen und Schwierigkeiten. Sie muss eine nachgehende Kirche werden. Auch da braucht es noch manche Umstellungen in der Seelsorge. Viele Konzilsaussagen, z. B. die von der Religions- und Gewissensfreiheit, die Botschaft vom gemeinsamen Priestertum (wir alle haben die gleiche Würde) brachten wirklich große Umbrüche. Als „Volk Gottes unterwegs“ dürfen wir nie vergessen, dass die Kirche immer „vorläufig“ ist – im doppelten Sinn: vorwärtsgehend und nie endgültig, perfekt.

Zeitumstellungen sind manchmal nötig.

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