Drogentod: Schwere Vorwürfe gegen Psychotherapeuten

von Christiane Eckert
Die VN berichteten schon 2009 über den Fall.
Die VN berichteten schon 2009 über den Fall.

Schöffenprozess soll klären, warum 14-Jähriger in Therapiestation sterben musste.

feldkirch. Im April 2009 stirbt ein 14-jähriger Oberösterreicher in der psychotherapeutischen Gemeinschaft OASE Senobio in Schnifis durch eine Heroinintoxikation. Der Bub hat einen Atemstillstand und ist nicht mehr zu retten.

Er hat ein bewegtes Leben hinter sich, als er im Frühjahr 2008 in Schnifis einzieht: An seinem 13. Geburtstag nahm sich sein Vater das Leben. Das übergewichtige Kind kam nicht klar, drohte mit Selbstmord, musste in verschiedene Kliniken und Wohngemeinschaften. Dann wurde der Mutter von einem Bekannten die Einrichtung in Vorarlberg empfohlen. Sie glaubt den Buben dort gut aufgehoben.

Labil und beeinflussbar

Dem Teenager gefällt es, doch er gilt weiterhin als suchtgefährdet, labil und leicht beeinflussbar. Die Staatsanwaltschaft Feldkirch erhebt nun schwere Vorwürfe gegen den damaligen Leiter der Einrichtung. Er soll seine Aufsichtspflichten gegenüber dem aufgenommenen Teenager gröblich verletzt haben. Zudem gab es offenbar falsche Therapiebestätigungen, wodurch einem anderen Delinquenten sechs Monate Haft und 500 Euro Geldstrafe „erspart“ blieben. Dies erfülle den Tatbestand der Begünstigung und der Fälschung eines Beweismittels. Das Konzept „Therapie statt Strafe“ macht nur Sinn, wenn die Therapie auch erfolgreich durchgezogen wird.

Der Prozess findet nächste Woche am 22. Und 23. Oktober statt und wurde aufgrund des umfangreichen Beweisverfahrens für zwei ganze Tage anberaumt.

„Massiv konsumiert“

Der Beschuldigte ist promovierter Akademiker und ausgebildeter Psychotherapeut. Er hat Familie und ist unbescholten. Viele kennen ihn als bemüht und engagiert. Unter seiner Heimleitung sollten die Bewohner den Weg zurückfinden in ein drogenfreies, geordnetes Leben. Es gab Therapieverträge, in denen sich die Leute zu Verzicht, Kontrollen, Harntests und Mitarbeit am therapeutischen Angebot verpflichteten. „Ausgebildetes Fachpersonal“ hieß es im Mitarbeiterkonzept.

Doch die Wirklichkeit sah laut Anklage anders aus, die Staatsanwaltschaft ortet schwere Versäumnisse. Auch Außenstehenden wie einer Taxifahrerin oder einer Besuchergruppe der Caritas fiel angeblich auf, dass massiv konsumiert wurde. Drogenkontrollen wie Harntests seien Leuten überantwortet worden, die selbst abhängig waren. In einer der Telefon­überwachungen soll der „Kontrolleur“ einmal gescherzt haben: „Einen sauberen Harn hat hier nur mein Hund, sonst niemand.“

Der 71-Jährige ist zu den Vorwürfen nicht geständig. Im Zentrum des Prozesses wird unter anderem stehen, ob der 14-Jährige dem Leiter im rechtlichen Sinne „anvertraut“ wurde. Außerdem muss geprüft werden, was der Mann von dem Treiben in seinem Haus wusste, tolerierte und eventuell schlichtweg ignorierte.

14 Zeugen geladen

Ein Vorwurf lautet auch, dass der Leiter deshalb alles akzeptierte, um die finanziellen Zuwendungen der öffentlichen Stellen nicht zu verlieren. Für den Verstorbenen habe das Land Oberösterreich immerhin einen Tagessatz von 161,28 Euro bezahlt. Deshalb seien Harntests offiziell immer in Ordnung, Therapieverläufe positiv, die Betroffenen dauerhaft abstinent gewesen, so die Staatsanwaltschaft.

Dem Leiter wird vorgeworfen, durch seine Nachlässigkeit den Tod des Jungen mitverschuldet zu haben. 14 Zeugen, darunter die Mutter des Verstorbenen, sind geladen. Darüber hinaus die gerichtsmedizinische Sachverständige Edda Ambach aus Innsbruck und Reinhard Haller.

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