Streiflicht Thomas Matt

Die Welt entdecken

Man kann sie beobachten, am frühen Morgen oder wenn der Tag sich neigt. Dann streifen sie durch den nahen Auwald. Wer den Uferweg verlässt, hat schon nach der ersten Biegung des Trampelpfads eine uralte Welt betreten. Behutsam steigen sie über Wurzeln und drücken Spuren in den Schnee. Sie gehen langsam und heben alle paar Schritte den Blick, als sähen sie das alles zum ersten Mal.

Der Wald zählt zu den großen Gewinnern der Pandemie. Nicht nur, weil er mangels Verkehr zeitweise aufatmen durfte. Er wird wieder beachtet. Auch von jenen, die sich sonst morgens in die Regionalzüge stopfen, gehetzt irgendwo ihre Kinder abgeben, den Blick stur auf Displays gerichtet, immer weiterhetzen, vorbei an dem, was ist. Aber jetzt haben manche Zeit. Vielleicht unfreiwillig, in Kurzarbeit, arbeitslos. Das wäre furchtbar. Und doch . . . Als sich der amerikanische Philosoph H. D. Thoreau Mitte des 19. Jahrhunderts in die Wälder von Massachusetts zurückzog, verließ er eine gestresste Welt. Er schrieb: „Wir wohnen dicht zusammengepfercht, sind einander im Weg, stolpern übereinander und verlieren, meine ich, einigermaßen den Respekt voreinander.“ Man kann sie jetzt manchmal beobachten: Menschen, die im Wald spazierengehen, als täten sie das zum allerersten Mal.

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