vn-autorenbeitrag zu Weihnachten. Verena Roßbacher

Ein Nachmittag im Dezember

Dieses Glasfenster mit Weihnachtsbaum nach dem Entwurf von Gottlieb Schuler befindet sich in der Pfarrkirche Lauterach.  R. Sagmeister

Dieses Glasfenster mit Weihnachtsbaum nach dem Entwurf von Gottlieb Schuler befindet sich in der Pfarrkirche Lauterach.  R. Sagmeister

Ich saß bei der lieben Tante Vivienne auf dem Sofa. Während ihr fetter Mops mich verliebt anstierte und sich begattungsfreudig an meinem Bein rieb, hantierte sie wichtig in ihrer Küche und beschallte mich mit Wagner, der mir natürlich sofort Kopfschmerzen bescherte. Ich hasste Wagner und ich hasste ihren perversen Köter und ich war mir sicher, was auch immer sie und der Don mir vorschlagen wollten, ich würde es auch hassen.

Ich legte meinen Kopf nach hinten und schloss die Augen. Wagner rüttelte an meinen Nerven, der Hund schnaufte, und Tante Vivienne knallte ein Tablett auf den Stubentisch.

Ich richtete mich auf und wühlte in ihrem Bunten Teller. Ich suchte mir die Besoffenen Hunde heraus. „Besoffener Hund“, flüsterte ich angetan. Besoffener Hund war immer schon der Festtagssnack meiner Wahl gewesen, es war ein Gebäck, das Millionen Jahre von jedem blöden Zimtstern und jedem charakterlosen Kipferl entfernt war, Besoffener Hund war unförmig, sah nicht gut aus und machte, in entsprechenden Mengen konsumiert, langsam, aber handfest betrunken – natürlich nur echt mit dem guten Strohrum, 80%.

„Schau“, sagte sie.

Ich warf mir einen Hund in den Rachen. „Nein“, sagte ich.

„Ich habe ja noch gar nicht angefangen!“, sagte sie entrüstet, sie schenkte uns tiefschwarzen Tee ein.

„Kannst du den Wagner ausschalten, er macht mir wahnsinnig schlechte Laune.“

Tante Vivienne schnaufte, exakt wie ihr triefäugiger Mops schnaufte, wenn er mit mir viele neue kleine Möpse zeugen wollte, und hievte sich wieder aus den Sofakissen, sie nahm die Schallplatte vom Plattenteller und legte eine neue Scheibe auf. Ich kann nicht sagen, wie sie innerlich den Übergang von Wagner zu Bob Dylan gestaltete, aber sie tat es, selbstsicher, kompromisslos und heiter, wie sie sämtliche Dinge miteinander verknüpfte, die nicht zusammengehörten. Bob sang „But it aint me Babe“, und exakt das dachte ich auch. It aint me, liebe Tante Vivienne. Weil genau so, ganz genau so fühlte es sich an, als sie mir ihre Idee präsentierte. Sie passte hundertprozentig nicht zu mir und ich nicht zu ihr. Ich schüttelte den Köter von meinem Bein und schenkte mir frischen Tee nach.

Später gesellte sich der Don zu uns, desinteressiert erkundigte er sich nach meinen Studien, aber als ich gerade zu einer weitschweifigen Antwort ausholte, unterbrach er mich und sagte: „Du, mal was ganz Anderes.“

„also“, sagte der Don, „wir haben uns da was überlegt. Die liebe Tante Vivienne hat dir ja den einen Teil der Pläne schon unterbreitet und …“

„Alfred“, sagte ich, „wieso in aller Welt sollte ich in einem Hotel jobben? Ich habe null Erfahrung im Service.“

„Du hast doch mal gekellnert, da, in der Rosengasse, im Hotel Adler, Fondue und Raclette und so.“

„Ja, Fondue und so, ich habe das erste kochend heiße Fondue Waadtländer-Art, das ich servierte, haarscharf an meinen Gästen vorbei in eine Handtasche von Louis Vuitton geschüttet. Ich habe genau einen Abend lang gekellnert, dann war finito mit kellnern. Ich habe für so was kein Händchen, glaub mir.“

„Unsinn, dir fehlt nur eine ordentliche Ausbildung, und damit komme ich auch schon zu unserem Plan.“

„Was für ein Plan? Ich brauche keinen Plan, Alfred, ich studiere, ich bin glücklich.“

Der Don lachte, laut und herzlich, Tante Vivienne lachte auch, sie warf ihrem Mops einen Husarenkrapfen zu, er machte einen Sprung wie eine feiste Robbe bei der Fütterung, keuchend knusperte er dann daran, wieder eng mit meinem Bein vereint.

„Natürlich nicht“, der Don hörte abrupt auf zu lachen und nahm sich ebenfalls einen Keks, „natürlich bist du nicht glücklich. Und dieses Studium“, er machte eine wegwerfende Geste, „willst du sämtliche Fächer des humanistischen Fachbereichs studieren oder was. Du studierst seit Jahren, ohne Ergebnis, alles sinnlos, Theologie, Germanistik, Philosophie, Geschichte hattest du auch schon, und ein Semester Indologie, alles Quatsch, nein, hör zu, was hältst du von der Hotelfachschule in Lausanne?“

„Was ich davon halte?! Nichts halte ich davon!“

„Doch doch, das ist eine sehr gute Schule, hervorragender Ruf!“

„Nein.“

„Aber ja, ein ganz ausgezeichneter Ruf!“

„Ich meine: Nein. Es ist mir egal, was für einen Ruf sie hat, ich will nicht auf eine Hotelfachschule, das passt überhaupt nicht zu mir.“

„Ach was, passen, was soll das schon heißen, passt vielleicht die Theologie zu dir? Passt Gott zu dir? Du bist ja nicht einmal in einer Kirche eingeschrieben.“

„Das heißt nicht eingeschrieben, das heißt irgendwie anders. Aber es ist sowieso ein alter Hut, ich habe mit der Theologie abgeschlossen.“

„Und warum erfahre ich das nicht? Und vor allem, warum, wenn ich fragen darf?“

„Das war irgendwie nicht der Gott, wie ich ihn kannte.“

„Na umso besser, dann hast du ja freie Bahn für einen ganz neuen Abschnitt in deinem Leben.“

„Falsch, ich studiere jetzt nämlich …“

„Und wenn du“, mischte sich die liebe Tante Vivienne ein, „dazu vorher noch im Hotel Europe jobbst, wie wir das vorher besprochen haben, dann …“

„Wir haben nichts besprochen, du hast gesprochen, ich habe Nein gesagt, und ich sage auch zum Gesamtpaket „Nein.“

„Aber Toni, das ist ja kein Zustand mehr, du hast ja schon seit zwanzig Jahren ganz sinnlos studiert, das muss ja mal ein Ende haben.“

„Nicht zwanzig.“ Ich gab dem Mops mit meinem Fuß einen Stoß, der ihn unters Sofa beförderte, aber dieses Tier hatte ein Gemüt wie ein Hackstock, unverwüstlich rollte er sich wieder auf die Füße, berappelte sich und hoppelte schon wieder verliebt auf mein Bein zu.

„Nach zwanzig Jahren ist einfach einmal genug, also, mit der Hotelfachschule verhält es sich folgendermaßen, es …“

„Schluss jetzt damit, was gibt’s zum Essen?“

„Fondue!“, rief mein Vater.

„Fondue isch guet und git e gueti Luune!“, fügte die liebe Tante Vivienne hinzu und es klang, als hätte Leonhard Cohen für seine allerletzte Platte ein Lied gedichtet, das nur er verstand.

„Ihr könnt mich mal“, ich schüttelte zum tausendsten Mal den Mops ab, griff mir im Gehen noch ein paar Besoffene Hunde und warf die Tür hinter mir ins Schloss.

Als ich aus ihrer Haustür trat, war es schon dämmrig, es roch nach Kaminfeuer und gebrannten Mandeln. Um diese Zeit im Jahr war es, als wäre man in einem Werbespot für fröhliche Weihnachten gelandet, es schneite zarte, unschuldige Flocken, alles war daunig weich überzuckert, die Heilsarmee sang inbrünstig von Rudolph, dem rotnasigen Rentier.

Ich spazierte die Strehlgasse entlang und schaute mir die Auslagen an. Alles war schon ganz Weihnachtsverkauf, über den Türen zu den feinen Geschäften hingen kunstvoll gedrehte Girlanden aus Tannenzweigen und Stechpalme. Ich ging schnell am En Soie vorbei, einer exquisiten Boutique, deren Schaufenster besonders liebevoll dekoriert war, kleine Nikoläuse tollten durch die verschneiten Zweige, verfolgt von lachenden Engeln. Ich hatte den Geschäftsräumen vor einiger Zeit, als ich noch dachte, ein Foulard könnte mein gesamtes Image aufmöbeln, einen Besuch abgestattet und, als ich mich heillos in einem der ausladenden Tücher verhedderte, ein ganzes Regal mit ihren berühmten Rabbit mugs abgeräumt. Ich würde nicht sagen, dass ich direkt Hausverbot hatte, aber wenn die Verkäuferinnen mich an den Schaufenstern vorbeigehen sahen, überschattete ein ängstlicher Zug ihre Gesichter. Ich stopfte mir ein paar Hunde in den Mund und winkte ihnen zu, niemand winkte zurück. Und das Christkind, dachte ich düster, das Christkind würde in diesem Jahr auch einfach bei mir vorbeifliegen. Langsam machte sich Trunkenheit bemerkbar.

Zur Person

Verena
Roßbacher

Geboren 1979 in Bludenz

Ausbildung Studium in Zürich und Leipzig

Romane „Verlangen nach Drachen“, „Schwätzen und Schlachten“, „Ich war Diener im Hause Hobbs“

Wohnort Berlin

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