Weil lesen immer geht

Es kommt, wie es kommen muss, nur ganz anders.

NOVELLEN Bei allem, was dieser Tage auf das Land und seine Menschen zukommt, kann an Verschiedenstes gedacht werden. Natürlich auch an diverse Maßnahmen zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit in Zeiten viraler Bedrohung. Das ist gut und recht und wichtig. Gedacht werden kann aber und soll auch an Herkömmliches, an Dinge des täglichen Lebens, Verlagsprogramme und Buchneuerscheinungen zum Beispiel, vor allem auch, wenn es darum geht, längst verschollene Schätze zu heben. Lockdown hin und Shutdown her, und wenn alles zu ist von der Stammkneipe bis zur Staatsoper: Lesen geht immer. Weil Winter ist, ist das Angebot an Büchern besonders groß und bunt. Der Steidl Verlag etwa legt mit gewohntem Gespür für inhaltliche und gestalterische Qualität eine schöne Buchreihe auf: Nocturnes genannt, also Nachtstücke, und damit eigentlich so up to date, so angesagt wie nur möglich, den Ausgangsgesperrten und Downgelockten auf den Leib geschneidert sozusagen. Da gibt es – übrigens neben Robert Musils „Der Fall Moosbrugger“ aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ als etwas schräge Gute-Nacht-Lektüre – einen Band mit drei Novellen des französischen Großmeisters Prosper Mérimée (1803–1870). Lange vor seiner auf sämtlichen Opernbühnen der Welt unsterblichen „Carmen“ (1845) hat er als Verfasser von packenden Novellen den Durchbruch geschafft.

Ein überaus handliches Bändchen in der Nocturnes-Reihe versammelt drei davon: „Tamango“ (1829), „Mateo Falcone“ (1829) und „Die Venus von Ille“ (1837). Die Schauplätze sind unterschiedlich: ein Sklavenschiff auf hoher See, rauhes Bergland und ebensolche Bewohner auf Korsika, südfranzösische Provinz; die handelnden Personen ähneln sich schon eher: ein skrupelloser Kapitän, ein stolzer Korse, eine mordende Statue; außerdem ein Exkurs zum Vampirismus mit einer genialen Pointe. All diesen Geschichten gemeinsam sind eine enorme Spannung, überraschende Wendungen, überzeugende Dramatik, psychologische Finesse und eine ebenso knappe wie ausdrucksvolle, leicht lesbare Sprache: hohe Kunst und nichts Gekünsteltes. Spielend vermag das Büchlein einen langen Winterabend auszufüllen. Wenn die Leserin dann die Lampe löscht, ist sie mit Sicherheit weniger allein als vorher und in beständigerer Gesellschaft, als sie Weihnachtsmärkte oder ähnliches je zu bieten vermöchten. PEN

"Tamango", Prosper Mérimée, Steidl, 128 Seiten.

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