Kommentar

Walter Fink

Es gab noch Schlimmeres

Über viele Jahre, schon Jahrzehnte, konnte an dieser Stelle vielleicht nicht gerade gejubelt, aber doch immer sehr positiv vermerkt werden, dass das Kulturbudget des Landes Vorarlberg wieder erhöht werden konnte. Daran hatte man sich schon gewöhnt, auch an den Vergleich mit anderen Bundesländern oder auch benachbarten Regionen, die oft mit Kürzungen in der Kultur leben mussten. Nun hat Corona, nach fast einem Jahr der eingeschränkten oder gar nicht stattfindenden Veranstaltungen, auch im Budget zugeschlagen. Bei den Künstlern und den Veranstaltern sind die Probleme ja schon längst angekommen, Kunst und Kultur und ihre Vertreterinnen und Vertreter müssen seit bald einem Jahr in prekären Situationen leben. „Prekär“ ist in der Kultur zum Jahreswort geworden. Es bezeichnet eine Situation, in der es (laut Duden) schwer ist, „richtige Entscheidungen zu treffen, da man nicht weiß, wie man aus einer schwierigen Lange herauskommen kann“. Genau das ist in der Kulturdebatte des Landtags zum Budget des nächsten Jahres deutlich geworden. Die Rednerinnen und Redner aller Fraktionen beklagten die Lage, wussten aber auch kein Allheilmittel. Und so stimmten auch alle Parteien dem Landesbudget, damit auch dem Kulturbudget, das erstmals Kürzungen hinnehmen muss, zu. Das alles ist unerfreulich, aber in Zeiten wie diesen offensichtlich unabwendbar.

Es gibt also keine Weihnachtsgeschenke, auch nicht in der Kultur. Allerdings: Es gab Zeiten, da hatten es die Menschen unvergleichlich schwieriger. So möchte ich noch gerne aus dem Text „Weihnacht 1917“ von Hermann Hesse zitieren. Hesse schreibt während des Höhepunktes des Ersten Weltkriegs: „Ehe wir wieder Weihnacht feiern und das Ewige und einzig Wichtige in uns mit einem verlogenen Ersatzartikel von Gefühl abspeisen, sollen wir uns lieber des ganzen Elends recht bewusst werden, auch wenn es zur Verzweiflung führt. Schuld an unserem Elend, schuld an der Nichtigkeit und rohen Verödung unseres Lebens, schuld am Krieg, schuld am Hunger, schuld an allem Bösen und Traurigen ist keine Idee und kein Prinzip, schuld daran sind wir, wir selber. (…) Zündet euren Kindern die Weihnachtsbäume an! Lasset sie Weihnachtslieder singen! Aber betrügt euch selber nicht, seid nicht immer und immer wieder zufrieden mit diesem ärmlichen, sentimentalen, schäbigen Gefühl, mit dem ihr eure Feste feiert! Verlangt mehr von euch! Denn auch die Liebe und Freude, das geheimnisvolle Ding, das wir ‚Glück‘ nennen, ist nicht da und nicht dort, sondern nur inwendig in uns.“ Wir mögen das, was zu schlimmsten Zeiten geschrieben wurde, auch zu Corona-Zeiten bedenken.

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

„Es gibt also keine Weihnachtsgeschenke, auch nicht in der Kultur.“

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