Ein Küchenhocker tritt in große Fußstapfen

von Ariane Grabher
Objekt „Mondrian Reloaded“ von Uta Belina Waeger.  waeger

Objekt „Mondrian Reloaded“ von Uta Belina Waeger.  waeger

VN-Bild- und Objektbetrachtung: Die Künstlerin Uta Belina Waeger sammelt und gestaltet Stühle.

DORNBIRN Wenn man aus einer Designer- und Architektenfamilie stammt, in der „gute“ Gestaltungskriterien, Form und Funktion den Alltag über weite Strecken bestimmt haben, kann man das nicht wegleugnen. Ebenso wenig wie das vererbte Stuhlsammler-Gen, das die Dornbirner Objekt- und Installationskünstlerin Uta Belina Waeger offensichtlich von ihrem Vater mitbekommen hat. Bekannt für ihre verhäuteten Objekte und Prozesse des Einbettens, für ihre philosophische und konsumkritische Betrachtungsweise, lebt die Künstlerin ihre Leidenschaft für Stühle, Sessel, Hocker und Schemel seit einiger Zeit in einer vielgestaltigen Werkreihe aus.

Museumsankauf

Nachdem sie sich den Objekten, allesamt gebraucht, durchgesessen und von der Gesellschaft wieder ausgeworfen, anfänglich übers Restaurieren und den Erhalt von Möbelklassikern genähert hat, geht sie mittlerweile gestalterisch kühn, frech und frei ans Werk. Das geht bis hin zum Überformen von Design­ikonen wie einem Jacobsen-Sessel oder einem Thonet-Stuhl. Letzteres Exemplar hat das Museum für angewandte Kunst in Wien unlängst für seine Sammlung angekauft.

Anleihen bei einer anderen Ikone der Kunstgeschichte nimmt das Objekt „Mondrian Reloaded“. Ehemals ein ganz normaler Küchenhocker, in jedem Haushalt selbstverständlich und immer zu Diensten zum Sitzen oder Hochklettern, unterzieht Uta Belina Waeger das Kleinmöbel einer Rundumerneuerung ganz im Stil des niederländischen Konstruktivisten Piet Mondrian (1872-1944).

Die Künstlerin überträgt die Gestaltungskriterien der neoplastizistischen Kompositionen Mondrians auf den vierbeinigen, geradkantigen Freund Hocker: orthogonale Linien und Flächen, die Primärfarben Rot, Blau und Gelb, ergänzt durch Schwarz und Weiß, und sogar Mondrians berühmte schwarze Doppellinie kommt an den Hockerbeinen zum Einsatz. Doch die kubische Erscheinung bleibt nicht unangetastet. Uta Belina Waeger wagt es in ihrem Upcycling, dem kantigen Äußeren runde Formen, wie Halbkugel und Zylinder, gegenüberzustellen. Bestückt mit Rädern ohne Funktion und das Sitzen durch eine Kuppel anstelle des Grifflochs in der Sitzfläche verunmöglicht, wird seine ursprüngliche Funktion gebrochen, zugleich aber erweitert ins Mögliche und Unmögliche. Die von Uta Belina Waeger klug gestellte Frage, ob immer noch Stuhl oder bereits ein Bild an der Wand oder Decke, ob Design oder Kunst, steht auf ebenso wackligen Beinen wie der unsitzbare, unfahrbare Hocker auf seinen vier Rädern, die dann doch nicht rollen. AG

Zur Person

Uta Belina Waeger

Geboren 1966 in Lustenau

Ausbildung Akademie der bildenden Künste und Universität für angewandte Kunst in Wien, Pratt Institute New York

Laufbahn seit 1992 zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, Kunst-am-Bau-Projekte, 1.Preis beim Kunst-Kirche-Bewerb 2003, Stipendien u.a. für Prag, Tokyo

Tätigkeiten internationale Lehraufträge, Symposiumsleiterin, Kuratorin

Wohnort Dornbirn, München

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