Völlig schräg, aber die Geschichte funktioniert

von Redaktion

Die Doderer-Gasse oder Heimitos Menschwerdung

Nadja Bucher. Milena,

224 Seiten

Roman Der Dichter Heimito von Doderer (1896-1966) wird zehn Jahre nach seinem Tod in der Wiener Großfeldsiedlung wiedergeboren. Dabei ist sein Geist jedoch im Körper eines Mädchens eingesperrt, das ihn selbst nicht wahrnehmen kann. Dennoch wittert er die Chance, sein unvollendet gebliebenes Werk nun abschließen zu können. Nadja Buchers Grundidee zu ihrem Roman „Die Doderer-Gasse oder Heimitos Menschwerdung“ klingt verrückt. So unwahrscheinlich die Story ist: Das Buch funktioniert. Freilich ist die Konstruktion der Wienerin mehr als gewöhnungsbedürftig. Und es geht noch schräger: Dass Doderer ausgerechnet in Marie, einem Kind mit Wohnadresse Doderergasse, wieder zu Bewusstsein kommt, ist offenbar kein Zufall. Denn ums Eck gibt es die Adolf-Loos-Gasse. Und wer meldet sich, als Marie eine Kindergartenbekanntschaft macht, aus dem Kopf des anderen Mädchens? Erraten, der berühmte Architekt, der freilich vom erst später geborenen Dichter keine Ahnung hat. Dennoch entspinnt sich bei den Begegnungen von Marie und Isa, die dicke Freundinnen werden, stets eine – für Außenstehende nicht wahrnehmbare – eigentümliche Konversation.

Hoher Unterhaltungswert

Während Doderer davon überzeugt ist, auf seinen „Wirt“ Einfluss nehmen zu können, hält Loos sein Schicksal für eine Strafe.  Was sich in der Doderergasse abspielt, ist eigentlich eine normale Kindheit – wahrgenommen freilich durch einen zwar Anteil nehmenden, aber zur eingreifenden Teilnahme unfähigen Beobachter, der die Welt buchstäblich durch die Augen eines Kindes sieht, diese aber in der eigentümlichen, verschnörkelten Sprache der „Strudlhofstiege“, der „Dämonen“ und der „Merowinger“ beschreibt. In dieser Diskrepanz liegt der Witz und der Unterhaltungswert des Buches – und der ist durchaus beträchtlich.

Das Buch behandelt Maries erste zehn Lebensjahre. Die einzelnen Episoden sind nicht immer rasend spannend. Überwiegt zunächst die Skurrilität der Versuche Doderers, dem Kind möglichst rasch Lesen und Schreiben beizubringen, sind Ereignisse in Maries Leben jedenfalls erzählenswert. Kindliche Bandenkriege, der geladene Revolver des als Nachtwächter arbeitenden Vaters, das Widerspiegeln zeithistorischer Begebenheiten wie Au-Besetzung oder Tschernobyl-Katastrophe oder popkultureller Etappen geben einiges her, das die beiden staunend bis ätzend kommentieren. Als die Pubertät bei ihren „Wirtinnen“ einsetzt, kann sich Doderer nicht mehr zurückhalten und beginnt Loos mit dessen gerichtsnotorisch gewordener Vorliebe für junge Tänzerinnen zu hänseln. Doch da ist das Gastspiel der alten Herren in den Körpern junger Mädchen auch schon fast zu Ende. Und man bedauert ein bisschen, dass Bucher ihrer Hauptfigur nicht noch ein wenig mehr Auslauf gegönnt hat.

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