Kommentar

Walter Fink

Das Sehnen am Wasser

Schon oft bin ich am Meer, vor allem am Mittelmeer gestanden. Und immer – fast immer – ist mir dabei eine Zeile des Bregenzer Fotografen, Malers und Dichters, nämlich von Rudolf Högler eingefallen. „Mein Sehnen wuchs am Meer so groß …“ beginnt er sein Gedicht, in dem er seine bewegten und bewegenden Gedanken am Wasser schildert. Ein wunderbares, kleines Stück Lyrik. Doch Högler bleibt mit seinem Sehnen nicht nur am Meer, er hört auch daheim, am Bodensee, „in den Bäumen und Bächen der Berge den ewigen Gesang“. Rudolf Högler war Chef des gleichnamigen Fotogeschäfts am heutigen Sparkassenplatz und die Fotos von damals zeigen, dass er wohl nicht nur das Meer, sondern auch den Bodensee geliebt hat. Wenngleich die Anziehungskraft Griechenlands ungleich größer war. So hat er 1956 im Europaverlag den ersten deutschsprachigen Farbbildband zu Griechenland veröffentlicht, während der Arbeit am nächsten Buch über Kreta ist Rudolf Högler 1957, noch nicht einmal fünfzig Jahre alt, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Wie sehr Högler geschätzt wurde zeigt sich auch darin, dass der wichtigste Wissenschaftler zur griechischen Mythologie, Karl Kerényi, ein Vorwort zum Buch geschrieben hat. 1988 hat das Vorarlberger Landesmuseum eine höchst interessante Ausstellung mit Katalog zu Rudolf Högler ausgerichtet.

Das Sehnen am Meer – ich kenne es. Und ich kenne es auch an den Ufern des Bodensees. Gerade in jüngerer Zeit ist es über mich gekommen, wenn ich in Bregenz stand und über den See nach Lindau, Wasserburg und weiter in den Dunst blickte, in dem sich Langenargen, Meersburg und Konstanz verbargen. Eine der schönsten Möglichkeiten, sich diesem See zu nähern, ist eine Schifffahrt mit der weißen Flotte. Langsam ziehen die Schiffe von Hafen zu Hafen, vorbei an einer der schönsten Landschaften Mitteleuropas, an Bergen, Flüssen, Dörfern und Weinreben streift man, vorbei auch an „Türmen von seltsamen Arten“, wie Rainer Maria Rilke schreibt, und an „uferlosen Weiten silbergrauen Dämmerscheins“, wie das Viktor von Scheffel sieht.

Ich kenne dieses Sehnen. Es gilt immer dem ganzen See. Wenn man hierzulande von See redet, dann meint man nicht nur den österreichischen Teil, man meint den Bodensee als Ganzes, den grenzenlosen See. Anders kann man ihn nicht sehen. Und so hebt sich das Herz beim Gedanken, dass es nicht mehr lange währt, bis wir wieder in Bregenz auf ein Schiff steigen und über den See fahren können. Bis ans andere Ende. Wir blicken zurück – „und hinter den Uferzielen tauchen die vielen, vielen Silberberge auf“ (Rilke). Welch ein Glück!

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

„Wenn man hierzulande von See redet, dann meint man nicht nur den österreichischen Teil, man meint den Bodensee als Ganzes, den grenzenlosen See.“

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