Großartige Durchlebenshilfe

von Christa Dietrich
Arbeit "Dance, Stanley, Dance" von Marianna Simnett.

Arbeit "Dance, Stanley, Dance" von Marianna Simnett.

Kunsthaus präsentiert zur Wiederöffnung Arbeiten internationaler Stars zu unserer Zeit.

Bregenz Unvergesslich wird es auf jeden Fall sein, was uns momentan widerfährt. Allein, dass Gäste aus den Nachbarstaaten bereits im Kunsthaus anzutreffen sind, während die Österreicher noch eingesperrt verharren müssen, sofern sie keinen der zulässigen Gründe haben, um über die nahen Grenzen zu gelangen, berührt. Das kann auch empören, im Gegensatz zur Masken- bzw. Mund-Nasenschutzpflicht, die in öffentlichen Gebäuden herrscht. Im Obergeschoß des Hauses mutet es ja nahezu wie ein dramaturgischer Gag an, wenn die vermummten Besucher vor den Arbeiten des Österreichers Markus Schinwald stehen, der Porträtbildnisse aus dem 19. Jahrhundert, deren künstlerische Qualität nicht ausschlaggebend ist, mit diversen Masken sowie Prothesen versehen hat. Sie entsprechen allerdings nicht ihrem eigentlichen Zweck, sie unterstützen nicht, sondern behindern. Schinwald war vor elf Jahren schon im Kunsthaus vertreten. Das war noch vor seinem Auftritt auf der Biennale Venedig. Die dortige Anordnung der Bilder erinnert nun ein wenig an jene im Kunsthaus, die jedoch wesentlich tiefer geht, weshalb Schinwald eigens betont, dass die Werke weniger prophetisch als seismographisch sind und dass er sich wünscht, dass wir auch die neueren Überarbeitungen (die aus heutiger Perspektive von Distanzierung erzählen) in zwei Jahren wieder anders sehen.

KUB-Direktor Thomas D. Trummer hat das Ausstellungsprogramm aufgrund der Covid19-bedingten Schließung neu konzipiert. Der Schweizer Peter Fischli kommt erst im Herbst, mit dem aktuellen Projekt zur Wiederöffnung soll betont werden, dass das KUB ein Ort der Gegenwartskunst ist. Kunst trägt zum Verstehen bei, lautet ein Grundsatz, dem mit Arbeiten, die – abgesehen von jenen von Schinwald – gerade erst, das heißt, in der Pandemie-Zeit entstanden sind. Etwaiger Banalisierung entkommt man durch Qualität, ob die Komplexität der Thematik erfasst wird, diese Frage stellt sich vielleicht gar nicht, denn wir durchleben die Krise mit ihren politischen Auswirkungen und wirtschaftlichen Folgen erst und Kunst, die das Reflexionspotenzial erhöht, hilft da wirklich.

Etwas fehlt dennoch

In William Kentridge‘s Centre for the Less Good Idea sind Miniaturen entstanden, in denen sich Esprit offenbart. Marianna Simnetts Transformation eines Menschen zum Tier strotzt vor politischer Aussagekraft, wobei der subtile Humor bei aller Traurigkeit nachwirkt. Ania Solimans zeichnerisches Coronatagebuch, das zu Recht einen ganzen Raum umfasst, ist in Fragen zur Verantwortung und bei der Hinterfragung der Alltagshandlungen derart aussagekräftig, dass man sich gerne längere Zeit darin vertieft. Helen Cammock, die mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde, zwingt uns höchst ästhetisch zu philosophischen Überlegungen und die gezeichneten Männchen von Rabih Mroué kämpfen ums Überleben. Am Ende und am Anfang, jedenfalls am Ein- und Ausgang sehen wir die Schädel-Aquarelle von Annette Messager, die in ihrer Einfachheit eine Vielfalt von Themen transportieren. Sie hat eine Operation überstanden. Schmerz, Sehnsucht, Witz – alles ist da. Fehlt etwas? Ja, das liegt aber an der Kunsthausleitung. Die Öffnungszeiten nach wochenlangen Veranstaltungsverboten auf Donnerstag bis Sonntag zu reduzieren, ist nicht seriös zu begründen und stellt die eigentliche Absicht der Ausstellung somit in Frage.

Die Eröffnung der Ausstellung im Kunsthaus Bregenz findet am am 5. Juni, 15 bis 20 Uhr statt; geöffnet ist sie bis 30. August, Donnerstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr.

<p>Arbeiten aus der neuen Serie von Markus Schinwald, die nahezu seismographisch von der Distanzierung des einzelnen Menschen erzählen.</p>

Arbeiten aus der neuen Serie von Markus Schinwald, die nahezu seismographisch von der Distanzierung des einzelnen Menschen erzählen.

<p>Aquarelle von Annette Messager: In der Coronazeit hat sich die Künstlerin zudem von einer Operation zu erholen.</p>

Aquarelle von Annette Messager: In der Coronazeit hat sich die Künstlerin zudem von einer Operation zu erholen.

<p class="caption">Die vom Österreicher Markus Schinwald mit Prothesen und Masken überarbeiteten Gemälden wirken wie eine Vorahnung auf die momentane Zeit.  VN/Steurer</p>

Die vom Österreicher Markus Schinwald mit Prothesen und Masken überarbeiteten Gemälden wirken wie eine Vorahnung auf die momentane Zeit.  VN/Steurer

<p class="caption">In den Arbeiten von Ania Soliman für ein Online-Tagebuch geht es um Sinnsuche und die Frage nach der Verantwortung.</p>

In den Arbeiten von Ania Soliman für ein Online-Tagebuch geht es um Sinnsuche und die Frage nach der Verantwortung.

„Ich biete den Menschen diese Kunstwerke an und hoffe, dass sie in ihnen etwas auslösen.“

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