Ein gigantisches Naturereignis

von Ariane Grabher
Die Ausstellung von Werner Reiterer im Kunstraum Dornbirn wird am 12. März, 20 Uhr, im Freien eröffnet.  VN/Steurer

Die Ausstellung von Werner Reiterer im Kunstraum Dornbirn wird am 12. März, 20 Uhr, im Freien eröffnet.  VN/Steurer

Werner Reiterer lässt es im Kunstraum Dornbirn auf Knopfdruck ordentlich scheppern.

DORNBIRN Die Tür zum Kunstraum Dornbirn ist verschlossen, aber neben dem Eingang hängt ein Schild. „Knopf drücken“ steht da neben dem roten Buzzer und ein unmissverständlich darauf gerichteter Hinweispfeil beseitigt das letzte Zögern. Kaum gedrückt, geht das Spektakel im Inneren los und draußen beginnt das große Staunen: strömender Regen geht in der Halle nieder, Blitze zucken und ohrenbetäubendes Donnerkrachen ist zu hören. Hinter dem fünf-Minuten-Gewitter auf Knopfdruck steckt der österreichische, mit seinem Werk auch international stark beachtete Künstler Werner Reiterer, der diesmal als Regenmacher, aber wieder einmal in unverkennbarer Reiterer‘scher Manier, die (Kunst)Welt auf den Kopf stellt. „Locked in!“ heißt sein für den Kunstraum Dornbirn konzipiertes Masterpiece, das ein Unwetter ein- und den Besucher aussperrt.

Das Indoor abgehaltene, simulierte Naturereignis Gewitter, das in natura gigantische Energien freisetzt, greift nicht nur in hervorragender Weise das im Konzept des Kunstraums verankerte Spannungsfeld von Kunst und Natur auf. Auch auf den Ort spielt Reiterer an, denn in der Werkhalle wurden ehemals auch Wasserturbinen zur Erzeugung von Strom hergestellt.

Normal, absurd, analog , abstrakt

Werner Reiterers künstlerische Strategie ist durch Umkehreffekte bestimmt. Mit zuweilen fast bubenhaftem Schalk und tiefschwarzem Humor wird simuliert, fabuliert und irritiert was das Zeug hält. Dabei gelingt dem Künstler, der bevorzugt aus dem Repertoire und dem mimetischen Fundus des Alltags schöpft, immer wieder das Kunststück, das Normale ins Absurde zu verwandeln. Reiterer denkt die Welt und sein Werk in Kategorien von analog und abstrakt. Damit meint er einerseits das durch unser direktes Denken und Handeln analog definierte Umfeld und andererseits das über abstrahierte Informationskanäle medial vermittelte globale Weltbild. Wobei er durch die zunehmende Globalisierung eine Verschiebung vom Analogen zum Abstrakten konstatiert. Auch als Rezipient ist man hin- und hergerissen und zum Decodieren angehalten. Doch sobald man sich die Frage „Aber kann es denn sein, dass…?“ stellt, ist man dem Künstler schon auf den Leim gegangen. Werner Reiterer macht die Begegnung mit seiner Kunst nicht immer zum leichten Spiel. Der Witz seiner Arbeiten, der entwaffnende Humor verführt jedoch und holt den derart wehrlos gemachten den Besucher unversehens ins Werk. „Humor ist die Einstiegsdroge“, sagt Reiterer. Dass sein Witz, der zuweilen auch eine bitterböse zweite Ebene bereithält, Suchtpotenzial hat, ist unbestritten. „Aber es geht nicht nur um Spaß“, so der Künstler, dem die Metaebene und das Ansprechen von kunstspezifischen und gesellschaftspolitischen Themen wichtig ist.

Teilnahme ausdrücklich erlaubt

In den heiligen Hallen des Pariser Palais de Tokyo, wo normalerweise leise verkehrt wird, hat Werner Reiterer die Besucher vor einigen Jahren mit einem völlig leeren Ausstellungsraum konfrontiert und aufgefordert „Schreien Sie, so laut Sie können!“. Wurde beim Schreien eine gewisse Anzahl von Dezibel überschritten, wurde der Raum mit anschwellenden Licht- und Atemsequenzen plötzlich zum Leben erweckt. Die Installation war ein enormer Erfolg, 20.000 Besucher haben sich konkurrierend und schreiend mit musealen Gegebenheiten auseinandergesetzt.

Auch in Dornbirn ist die Schau an einen partizipativen Akt gebunden, der kleine Knopf zeitigt große Wirkung. Denn wenn der rote Buzzer nicht gedrückt wird, passiert gar nichts, die Ausstellung findet quasi gar nicht statt, es würden keine Gewitter über Dornbirn niedergehen. Aus Rücksicht auf die Nachbarn und die original erhaltenen Fenster des Industriebaus von 1893, denen der Bass ordentlich zusetzt, wurde die Lautstärke des Unwetters auf ein erträgliches, aber noch gut weithin hörbares Maß gesetzt.

Zitate im Stadtraum

Dennoch könnte es zu surrealen Szenarien kommen, dass gestörte oder beunruhigte Anwohner bei den Behörden mit Anliegen wie „Stellen Sie bitte das Gewitter ab!“ vorstellig werden. Weniger geräuschvoll, aber im Vorfeld der Wahlen wohl auch nicht unbemerkt, ergänzt die Plakataktion „Take a Walk on the Mind Side!“ das ortsspezifische Dornbirner Projekt im Stadtraum. Mit Zitaten, philosophischen Sagern und Konzepttexten von Werner Reiterer auf Litfaßsäulen, Screens und den Ständern um den Kunstraum herum entsteht eine Art mentaler Wanderweg durch Dornbirn. Zudem sind auch zwei lebende Plakatträger unterwegs, die Botschaften wie „Kultur ist die Autobahn. Kunst ist der Waldweg“ (eigentlich auch ein schönes Projekt, das nach Realisierung schreit – wie wäre es Werner Reiterer?) in die Öffentlichkeit tragen.

Im Kunstraum Dornbirn, Jahngasse 9, und im Stadtraum bis 17. Mai, Mo bis Fr, 9 bis 21, Sa, 9 bis 22 und So 10 bis 18 Uhr, aktiv. Künstlergespräch: 13. März, 14 Uhr.

Zur Person

Werner Reiterer

Konzeptkünstler und Grafiker

Geboren 1964 in Graz

Ausbildung Studium der Grafik an der Akademie der bildenden Künste in Wien (Prof. Maximilian Melcher)

Laufbahn zahlreiche internationale Ausstellungen, Kunst am Bau-Projekte und Interventionen im öffentlichen Raum, Mitglied des Forum Stadtpark Graz und der Secession Wien

stipendien Staatsstipendium für bildende Kunst, Kunstpreis der Stadt Graz, 1. Preis Internationale Biennale Kairo, Förderungspreis der Stadt Graz, Stipendien des BKA in New York, Rom und London

wohnort Wien

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