Da bleibt einem die Spucke weg

von Christa Dietrich
Verdis „Rigoletto“ auf dem See soll es 2021 wieder geben.   Stiplovsek

Verdis „Rigoletto“ auf dem See soll es 2021 wieder geben.   Stiplovsek

Noch nie war ein Seebühnenstück so spektakulär wie „Rigoletto“: Die Premiere lässt nur wenige Fragen offen.

Bregenz Hat er es mitgekriegt? Wem Puccinis „Turandot“ etwas zu statisch war und wer bei Bizets „Carmen“ bemerkte, dass etwaige neue Projektionstechniken derart ausgeschöpft wurden, dass man beinahe gleich einen Film abspulen könnte, der bekommt mit „Rigoletto“, für den sich die Bregenzer Festspiele den deutschen Regisseur, Bühnenbildner und Filmschaffenden Philipp Stölzl holten, eines aufs Auge. Elisabeth Sobotka lässt mit der dritten Seebühnenproduktion ihrer Intendanz so richtig aufdrehen, mögen schon in den 1990er-Jahren – etwa für „Nabucco“ – ganze Wände rauf- und runtergeklappt worden sein, mehr Bewegung und damit auch mehr Spektakel wie nun in der Verdi-Oper, die erstmals auf der Seebühne umgesetzt wurde, gab es noch nie. Fragt sich, ob das der Geschichte mit dem berühmt gewordenen Gassenhauer „La donna è mobile“ dient? Wer mit der gewählten Erzählweise mithalten kann, der wird glücklich, die anderen weniger.

Stölzl und ein Technik-Team, das keine Herausforderung scheut, machen es den über 190.000 Zuschauern, die in dieser Saison allein für das Spiel auf dem See erwartet werden, nicht allzu schwer. „Rigoletto“ im Zirkus auftreten zu lassen, ist nicht abwegig. Dem Spaßmacher, den Belesene aus Victor Hugos Drama „Le roi s‘amuse“ kennen, wird arg mitgespielt, letztlich war aber auch er jener, der dem König bereitwillig eine Mätresse nach der anderen zuführte. Zensurbedingt musste die Handlung ins italienische Mantua verlegt werden, bei Stölzl ist es die Manege mit Jongleuren, Tierbändigern und einem Clown. Und damit es sich komplett rundet, spielt das Schauerdrama auf dem Kragen einer Clownsmarionette, der eine Arena bildet. Während der riesige Clownskopf, in dem sich das Schicksal von Rigoletto widerspiegelt, in einer der berührendsten Szenen einem aufsteigenden Ballon nachblickt, in dem Gilda mit ihrer Arie „Caro nome“ das neu entdeckte Gefühl der Liebe zum Ausdruck bringt, nach und nach zum Totenkopf mutiert, driftet auch dieser Kragen auseinander.

Operngeschichte geschrieben

Stölzl hat das Erzählen mit großen Gesten geradezu verinnerlicht, auch am gestrigen Premierenabend nach der öffentlich zugänglichen Generalprobe, gelangte man zur Überzeugung, dass diese Szene wohl Operngeschichte schreiben wird. Zumal wenn die koloraturenreiche Arie gelingt. Die großen Rollen in Bregenz sind dreifach besetzt. Auf die musikalischen Qualitäten wird in Folge in den VN und auf VN.at eingegangen. Jedenfalls lässt sich sagen, dass an der Klangqualität enorm und mit entsprechender Wirkung geschraubt wurde. Das macht auch in diesem großen Raum Feinheiten der Partitur hörbar, die uns die Charaktere der Handelnden zwar nicht komplett erschließt, aber zwiespältige Gefühlsspektren offenbart. Das gilt für den Herzog, der hier ein Zirkusdirektor ist, wie für Rigoletto. Hilft uns die Regie weiter? Nicht unbedingt und nicht überall und das ist auch ein kleines Manko dieser Produktion oder vielleicht einfach ein Kompromiss. Psychologische Hintergründe sucht man vergeblich. Dafür gibt es Horrorszenarien im Breitwandformat und Bilder, bei denen einem die Spucke wegbleibt. Etwa, wenn der Kopf bis über den Mund ins Bodenseewasser eintaucht, wenn dabei die Augen grimmig in jegliche Richtung blicken oder wenn der Mund nicht nur zum Liebesnest, pardon, zur Sexspielwiese oder zum Tatort wird, sondern zum gefräßigen Schlund, der versinnbildlicht, dass Rigoletto den Rachegeist, den er rief, nicht mehr los wird, bis er selbst das Opfer ist. Da begegnet die Urform des Theaters, das Marionettenspiel, den heutigen Trickmöglichkeiten, aus denen Filmemacher wie Bühnenzauberer schöpfen. Das ist so einnehmend wie genial gelöst und lässt nicht mehr los. Man lässt sich einfangen bis hin zu jenen Szenen, in denen auch diese weltweit einzigartige Freiluftopernproduktion an eine Grenze stößt, die hinterfragbar bleibt, dann nämlich, wenn die Szenen derartig waghalsig sind, dass gedoubelt werden muss. Oft ist es nicht der Fall: Chapeau! den Sängerinnen und Sängern.

Ausführlicher Bericht zur gestrigen Premiere des Spiels auf dem See mit Verweisen auf die Musik auf VN.at

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.