Abgeklärt und aufregend

von Fritz Jurmann
Die deutsche Sopranistin Mojca Erdmann brillierte. 

Die deutsche Sopranistin Mojca Erdmann brillierte. 

Das Baskische Nationalorchester triumphierte unter seinem neuen Chef Robert Trevino.

BREGENZ Alle, die bei diesem zweiten Meisterkonzert der Saison am Samstag auf der Bühne standen, mussten sich als Debütanten die Sympathien des Publikums zunächst erobern: das Baskische Nationalorchester, das auf dem besten Weg zum internationalen Rang ist und sich dafür mit dem amerikanischen Chefdirigenten Robert Trevino den rechten Mann geangelt hat, und die beiden renommierten Solisten, die sich die Stadt in solch internationaler Besetzung mit der deutschen Sopranistin Mojca Erdmann und dem israelischen Geiger Vadim Gluzman geleistet hat. Am Ende war die Begeisterung auf beiden Seiten kaum mehr zu bremsen.

Große Melodiebögen

Musik aus ihrer Heimat haben die Basken mit drei Orchesterliedern ihres Landsmannes Pablo Sorozábal mitgebracht, die während seines Studiums um 1920 in Leipzig auf Texte von Heinrich Heine entstanden sind und darum weit mehr naturnahe deutsche Romantik als spanisches Temperament atmen. Mojca Erdmann, bei uns von ihren Schubertiade-Auftritten her in bester Erinnerung, wertet diese Gesänge in großen Melodiebögen mit ihrem edlen, schön geführten Sopran auf.

Abrupt aus seinen romantischen Träumen gerissen wird das Publikum dann durch den nächsten Solisten Vadim Gluzman auf seiner Stradivari mit dem Solopart in Prokofjews zweitem Violinkonzert von 1935. Dabei verblüfft nicht nur, dass er das 30-minütige Werk komplett auswendig spielt, auch wenn es sich um kein ausgesprochenes Virtuosenstück handelt. Es ist sein hohes Maß an Konzentration mit oft geschlossenen Augen und manchmal dem Anflug eines verschmitzten Lächelns, die den Eindruck größter Verinnerlichung des Werks und intensivster Verbindung zu Orchester und Dirigent bei gleichzeitiger technischer Überlegenheit vermitteln. So entsteht gemeinsam mit den für Prokofjew so typischen rhythmisch kantigen, schroffen Anteilen und den zutiefst in der russischen Folklore verhafteten Stilmitteln ein packendes Stück Musik, dessen sangliche Themen im melodiösen Mittelsatz wie eine Rückerinnerung an die drei Jahrzehnte zuvor entstandene 4. Symphonie von Gustav Mahler anmuten.

Und genau dieses Werk wird dann auch zum unangefochtenen Glanzpunkt des Konzertabends. Denn so wie der elegant agierende amerikanische Dirigent Robert Trevino mit dem perfekt auf ihn eingeschworenen Orchester diese Symphonie inszeniert, wirkt er wie ein neuer Leonard Bernstein, der in den Sechzigerjahren bekanntlich die Mahler-Renaissance in unseren Konzertsälen entzündet hat.

Zwei Zugaben

Sicher aber hat sich Trevino seinen Landsmann zum Vorbild genommen und kompetent aus vielen kleinen Details mit den Schellen, den vorlauten Klarinetten, dem scharfen Blech, der durch Skordatur im zweiten Satz zur fahlen „Fidel des Todes“ umgewandelten Geige der Konzertmeisterin und dem Wald von satten Streichern diesen typischen Mahler-Klang generiert. Dazu gesellt sich im Vokalpart von den „himmlischen Freuden“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ im vierten Satz, den sie bereits in einer vielgelobten CD-Einspielung gesungen hat, nochmals Mojca Erdmann ganz im Geiste Mahlers mit großer Natürlichkeit und dabei ohne jeden Substanzverlust. Eine ebenso abgeklärte wie aufregende „Vierte“ Mahler von maßstäblichem Charakter! Zwei Zugaben werden fast zur Pflicht: „Morgen“ von Richard Strauss in einer verklärten Wiedergabe durch Mojca Erdmann und ein Rausschmeißer aus der Zarzuela-Werkstatt des Spaniers Gerónimo Giménez.

Nächstes Bregenzer Meisterkonzert: 24. Jänner 2019, 19.30 Uhr, Festspielhaus – Wiener Symphoniker, Dir. Francois-Xavier Roth, Solist Antoine Tamestit, Violine.

<p class="caption">Der israelische Geiger Vadim Gluzman spielte das 30-minütige Werk auswendig und vermittelte den Eindruck größter Verinnerlichung des Werks.  Jurmann</p>

Der israelische Geiger Vadim Gluzman spielte das 30-minütige Werk auswendig und vermittelte den Eindruck größter Verinnerlichung des Werks.  Jurmann

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