An Bühnen der Region. „Così fan tutte“ unter besonderen Umständen am Opernhaus Zürich

Ein mehrschichtiges Vexierspiel

Bestens disponiert: Anna Goryachova als Dorabella.  Oper/Rittershaus

Bestens disponiert: Anna Goryachova als Dorabella.  Oper/Rittershaus

Die Produktion mit einem abwesenden Regisseur ist auch ein Statement für die Freiheit der Kunst.

ZÜRICH Hut ab vor Intendant Andreas Homoki. Die Neuinszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ durch Kirill Serebrennikov wäre nach der Festnahme des russischen Theater- und Filmregisseurs im August 2017 und nach einem mehrfach verlängerten Hausarrest andernorts vielleicht einfach mit bedauerndem Schulterzucken als unrealisierbar zu den Akten gelegt worden. Nicht so am Zürcher Opernhaus. In einem Regiebuch vornotierte Ideen Serebrennikovs und auch dessen Rückmeldungen auf Proben-Videomitschnitte sind hier von Assistenten, darunter besonders Evgeny Kulagin, zusammen mit einem engagierten Ensemble verwirklicht worden.

Die Regiearbeit für „Così fan tutte“, der wohl auch eine Dosis an spontaner Eigenkreativität des Stellvertreter-Teams beigemischt ist, überzeugt als Beleg einer starken inszenatorischen Handschrift mit klugem Konzept, Temporeichtum und Witz, wobei das Ganze momentweise auch etwas ins Klamaukige abzudriften droht. Indem Serebrennikov uns ein mehrschichtiges Vexierspiel um Sein und Schein zeigt, kommt er gerade diesem „dramma giocoso“ des genialen Komponisten und des Librettisten Lorenzo da Ponte sehr nahe.

Im Hier und Jetzt

Serebrennikov zeigt uns Menschen aus dem Hier und Jetzt, die mit Smartphones hantieren und per Live-Cam verdrahtet sind. Männerbündlerisch vernetzte Gestalten führen ein Experiment am offenen Herzen von Frauen durch. Alle verlieren schließlich den Boden unter den Füßen. Der Unwahrscheinlichkeit, dass zwei junge Männer vorgeblich in den Krieg ziehen, um dann ihre Verlobten – ohne von diesen erkannt zu werden – mit angeklebtem Bart und Perücke in der Larve von Fremden zu bedrängen, ist Serebrennikov mit einem Splitting-Trick begegnet: Er besetzt Guglielmo und Ferrando nicht nur mit je einem Sänger (agil und klangschön: Andrei Bondarenko und Frédéric Antoun), sondern auch mit je einem Schauspieler in orientalischem Look (sehr forsch: Francesco Guglielmino und David Schwindling). Und er lässt die Männer in der Vorstellung der Frauen tatsächlich im Krieg umkommen. Während die Sänger sozusagen den Geist repräsentieren, stehen die beiden „Avatare“ für das „Tier“ im Manne.

Unter anderem mit Videovorführungen, veranstaltet von der eingeweihten Despina (mit Witz: Rebeca Olvera), schafft der Regisseur auch noch so etwas wie eine Tour d’horizon durch die konfliktreiche Geschichte der Rolle der Frau. Und wenn Ruzan Mantashyan als Fiordiligi und Anna Goryachova als Dorabella (stimmlich wie schauspielerisch bestens disponiert) von den nichtsingenden Doubles sexuell attackiert werden, steht die aktuelle MeToo-Debatte wie der Elefant im supermodern designten zweigeschoßigen, das Doppelbödige der Oper sinnfällig ins Bühnenbild fassenden Raum. Dirigent Cornelius Meister inspiriert die Philharmonia Zürich zu einem leichtfüßig-federnden Spiel. tb

Nächste Vorstellungen (dreieinhalb Std.) am 11, 13., 16. und 21. Nov. www.opernhaus.ch

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