Ein Leben auf 107 Bögen

von Veronika Fehle
Martin Frommelts Werk konnte man am Wochenende in der Johanniterkirche in Feldkirch bestaunen.  VN/Lerch

Martin Frommelts Werk konnte man am Wochenende in der Johanniterkirche in Feldkirch bestaunen.  VN/Lerch

Nach Washington und Köln konnte man jetzt auch in der Johanniterkirche buchstäblich im Leben Martin Frommelts blättern.

Feldkirch Manche Leben lassen sich wie ein spannendes Buch lesen. Das Leben des 85-jährigen Liechtensteiner Künstlers Martin Frommelt ist genau so eines. Über Jahrzehnte hinweg beschäftigte er sich mit dem Leben der Farben und Formen, ihrem Zusammenspiel und ihrer gegenseitigen Weiterentwicklung. Arbeitete er sich in den 1970er-Jahren am Thema der „Apokalypse“ ab und ließ er dieser inneren Diskussion den „Vähtrieb“ folgen, so gehörten die 1990er-Jahre ganz der Schöpfung – der „Creation“. So schloss sich für Martin Frommelt ein Kreis und für die Betrachter seiner Arbeiten ein Schaffenszyklus.

Der dritte und letzte Teil dieser artverwandten Trilogie war nun in der Feldkircher Johanniterkirche anlässlich des 800-Jahr-Jubiläums der Stadt in Form einer fünfstündigen Performance zu sehen. Den Kern des Kunstnachmittags, der sich in den Abend verästelte, waren die 2014 Radierungen, die Frommelt auf 107 Bögen gebannt hatte. Dieses Mappenwerk wurde übrigens von der National Gallery of Art in Washington angekauft und kam auf dem Weg des Kunstmuseums „Kolumba“ in Köln auf Besuch nach Feldkirch.

Seite für Seite durchgeblättert

Der Versuchsaufbau der Blätter- und Leseperformance war dann folgender: Im dunklen Raum der Feldkircher Johanniterkirche warfen einzelne, im Raum verteilte Lichtquellen Schlaglichter auf große Tische. Auf ihnen lagen dünnere und dickere Mappen, die Seite für Seite von Mitarbeitern der „Kolumba“ Köln durchgeblättert wurden – angenehm bedächtig und eines nach dem anderen. Jedes aber nur ein Mal. Andere Tische blieben dagegen im Dunkeln. Die Kunst, die sie hüteten, kam später dran oder war schon durchgeblättert worden. Denn die gesamte Performance umspannte ja einen Zeitraum von fünf Stunden. Das Kommen und Gehen des Publikums war da Teil des Ganzen und ergänzte den zu Kunst geronnenen Lebensweg Frommelts.

Zum langsamen und andächtigen Blättern lasen insgesamt sieben Schauspieler aus Texten der Bibel. Aber auch Weltliteraten wie James Joyce oder Francesco Petrarca kamen zu Wort. So ergab sich ein Gesamtes, das nie fassbar wurde und sich mit jedem Umschlagen eines Mappenblattes weiterschlängelte. Text und Bild ergänzten sich dabei und konfrontierten die Betrachter immer wieder mit den großen Sinnfragen eines jeden Lebens, auch ihres eigenen. Dadurch wurden sie mehr als nur Betrachter eines Kunstwerks. Sie wurden zu Schöpfern, die mit ihren eigenen Gedanken den Fluss der Zeit und der Kunst durchdrangen und so auch ihren Anteil an der Schöpfung, der Creation, leisteten.

Ausgezeichnetes Buch

Und wenn sich eben manche Leben wie ein spannendes Buch lesen und durchblättern lassen, dann ist eines nach dieser wunderschönen und in ihrer Langsamkeit faszinierenden Performance klar: Martin Frommelts Leben ist ein ganz ausgezeichnetes Buch.

Nächste Veranstaltung in der Feldkircher Johanniterkirche: „StilleKlangRaum“, eine spirituelle Kunsterfahrung, 11. Juli, 18 Uhr. www.feldkirch800.at

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