Fragen nach Sein und Nichtsein

von Torbjörn Bergflödt
Nikolaus Habjan in seiner Produktion „Böhm“.  Schauspielhaus/Lupi Spuma

Nikolaus Habjan in seiner Produktion „Böhm“.  Schauspielhaus/Lupi Spuma

Der Georg-Kreisler-Abend von Nikolaus Habjan hat das Premierenpublikum begeistert.

Zürich, Bregenz 1992 kehrte der Komponist, Kabarettist und Dichter Georg Kreisler (1922-2011) seiner Hassliebe Österreich den Rücken zu und zog nach Basel, wo er bis 2007 lebte. Auf der Flucht vor den Nazis verbrachte er die Jahre von 1938 bis 1955 bekanntermaßen in den USA. In der Basler Zeit setzte er sich auch mit der Schweiz auseinander. Kritisch-bissig und humorgesättigt, wie es seine Art war. Die Neuproduktion „Ausschließlich Inländer“ des in Bregenz durch mehrere Produktionen bekannten österreichischen Puppenspielers, Puppenbauers und Regisseurs Nikolaus Habjan (geb. 1987) und der Musik-Combo Franui, die jetzt in der Box des Zürcher Schiffbaus Premiere hatte, ist ein Zitat aus dem Lied „Der Ausländer“ von Kreisler und hat ihren Schwerpunkt auf dessen Jahren in der Schweiz.

Aber auch einschlägige „Everblacks“ wie „Taubenvergiften im Park“ kommen zum Zug und werden neu befragt. Der Musiktheaterabend ist von einem hintergründig-bösen Zauber, der das Premierenpublikum in der Box des Schiffbaus begeisterte. Erstaunlich ist hier unter anderem, wie virtuos und lustvoll-wendig Benito Bause, Claudius Körber, Miriam Maertens, Michael Neuenschwander und Elisa Plüss vom Schauspielhaus-Ensemble mit Habjans poetisch versponnenen, skurrilen Puppen – die Klappmaulpuppe und Stabpuppe kombinieren – bedienen.

Schwarz und schräg

Kreislers Chansons stecken ja seit Langem in uns drin, sei es vom Tonträger her oder von einem Live-Auftritt oder beidem. Ob so ein multimedialer Post-Kreisler gut gehen würde, konnte man sich fragen vor der Premiere. Die „Und wie!“-Antwort, die man sich inzwischen hat geben dürfen, ist das doppelte Resultat eines tiefen Eintauchens in den anarchischen Kreisler-Kosmos und einer schöpferisch-produktiven Weitung der Ausdrucksmittel.

Drei Grenzstationshäuschen hat Jakob Brossmann auf die Bühne stellen lassen. Mit dem Erscheinen eines großäugigen (Puppen-)Kindes und mit nachfolgenden Grenzbeamten-Grotesken schlägt Habjan einen Bogen zur aktuellen Asylproblematik. Hauptmotiv des Abends, der Habjans Produktion „Wien ohne Wiener“ fortführt, die im Wiener Volkstheater Premiere hatte, ist freilich der Mensch überhaupt in seiner Hinfälligkeit und moralischen Fragwürdigkeit. Wobei Habjan und die von ihm geführte Figur einer schrulligen Alten zu Beginn der Vorstellung Themen exponieren, die in der Folge „durchgeführt“ werden. Um den Tod geht es und um die Liebe, um Mordfantasien und andere Sehnsüchte, wobei der Verfremdungseffekt produktiv wird, dass auch die Schauspieler und Habjan, die die Puppen führen, sichtbar werden. Sehr schwarz und schräg ist das alles, wozu die sechsköpfige Combo eine mit Dissonanz-Widerhaken gewürzte Instrumentalmusik liefert, die über einen grundierenden Soundtrack weit hinausreicht.

Nächste Vorstellungen (110 Min.) am 6., 16., 20., 21., 23., 24., 25., 29. und 30. Juni im Schiffbau des Züricher Schauspielhauses. www.schauspielhaus.ch

<p class="caption">Szene aus „Ausschließlich Inländer“, der neuen Produktion von Nikolaus Habjan, in Zürich.  Schauspielhaus/Toni Suter</p>

Szene aus „Ausschließlich Inländer“, der neuen Produktion von Nikolaus Habjan, in Zürich.  Schauspielhaus/Toni Suter

Habjan kommt mit "Böhm" zu den Festspielen

Bregenz Die Gründe, sich heuer in Bregenz mit dem Dirigenten Karl Böhm (1894-1981) zu beschäftigen, liegen auf der Hand. Der österreichische Maestro, der in gewisser Weise auch als musikalisch stilbildend gilt, stand bei der Eröffnung des Festspielhauses im Jahr 1980 am Pult der Wiener Symphoniker. Nachdem selbst die Salzburger Festspiele die schriftlich dokumentierte Faschismus-Bejahung des Dirigenten reflektieren mussten, findet vielerorts Aufarbeitung statt. So auch in Graz, der Heimatstadt von Karl Böhm, wo jüngst das Stück „Böhm“ von Paulus Hochgatterer mit den Puppen und in der Inszenierung von Nikolaus Habjan uraufgeführt wurde. Festspiel-Intendantin Elisabeth Sobotka gibt damit dem Schauspiel wieder Raum. VN-cd

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