Sätze, die man nicht nur einmal lesen möchte

Roman Nach dem Schaufeln der Proletarier am eigenen Massengrab in der kommunistischen Baugrube jetzt eine Reise nach Tschewengur. Die Bolschewiken liquidieren hier für das klassenlose Paradies erstmal alle Bürgerlichen. Ein Jahr nach der „Baugrube“ hat Suhrkamp auch „Tschewengur“, das zweite Hauptwerk von Andrej Platonow (1899-1951) aus dem postrevolutionären Russland der 20er-Jahre, neu herausgebracht. Wiener-Festwochen-Besucher kennen das Buch spätestens seit 2016, als Frank Castorfs fünfstündige Stuttgarter Inszenierung des Romans in Wien gastierte. Die im Untertitel angekündigte „Wanderung mit offenem Herzen“ ist ein wilder, immer wieder hypnotisch anziehender, genauso witziger wie Grauen erregender literarischer Ritt an der Seite mythisch verklärter Paradiessucher. Kopjonkin, ein Don Quichotte im Gefolge der Oktoberrevolution, absolviert ihn auf seinem Pferd namens Proletarische Kraft und verzehrt sich unterwegs vor zärtlicher, zwangsläufig unerwiderter Liebe zu Rosa Luxemburg. Er weiß ganz genau, dass die Revolutionärin im fernen Berlin ermordet ist und spürt doch unvermindert sowie als Einziger überhaupt in Platonows wundersamem Universum auch körperlich „heiße Sehnsucht“.

In „Tschewengur“ fesselt die bruchlose Verknüpfung von altertümlich religiösen mit zeitlos utopischen Heilsmotiven sowie zugleich absurd komischen mit gnadenlos realistischen Schilderungen des Jetzt. In der glänzenden Übersetzung von Renate Reschke gibt es kaum eine Seite ohne sprachlich überraschende, oft rätselhafte, auch bei fürchterlichem Inhalt lyrisch schöne Sätze, die man nicht nur einmal lesen möchte.

"Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen", Andrej Platonow, Suhrkamp, 582 Seiten.

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