„Ich bin die Frau Picasso“

von Christa Dietrich
St. Gallen hat auch Arbeiten von Maria Lassnig, die erstmals zu sehen sind. Unten: Doppelselbstporträt (1999) in Basel.  Lassnig-Stiftung, museen basel und St. gallen, Flitner

St. Gallen hat auch Arbeiten von Maria Lassnig, die erstmals zu sehen sind. Unten: Doppelselbstporträt (1999) in Basel.  Lassnig-Stiftung, museen basel und St. gallen, Flitner

An der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig kommt niemand vorbei.

St. Gallen, Basel Sie verließ Österreich in Richtung Frankreich und Amerika und die damalige Ministerin Hertha Firnberg musste einiges an Überzeugungskraft aufbringen, um Maria Lassnig (1919-2014) zurückzuholen bzw., um die Künstlerin, die sich in New York durchgesetzt hatte und dort etwa auch innovative Videoarbeiten entwickelte, für eine Professur an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien zu gewinnen. Lassnig zählte zu den ersten österreichischen Künstlerinnen, deren Arbeiten auf der Biennale von Venedig gezeigt wurden. Zu bedenken, dass bei der noch im 19. Jahrhundert gestarteten Weltkunstschau im kommenden Jahr mit Renate Bertlmann (geb. 1943) überhaupt zum ersten Mal einer Künstlerin allein der Austria-Pavillon überlassen wird, macht die schwierige Situation Kunst schaffender Frauen bzw. die Dominanz der Direktoren und Kuratoren und vielleicht auch deren Seilschaften transparent. Maria Lassnig war im Jahr 1980, also im Alter von 61 Jahren, gemeinsam mit VALIE EXPORT (geb. 1940) nach Venedig eingeladen, 2013 erhielt sie die höchste der dort vergebenen Auszeichnungen, nämlich den Goldenen Löwen. Zuvor schon waren ihre Arbeiten bei der renommierten Documenta in Kassel vertreten.

Mechanismen des Kunstmarktes oder die Wertsteigerung ihrer Bilder hat Lassnig stets trocken, zuweilen mit Humor betrachtet. Dass man sie in Verkennung ihrer Arbeit selbst im Paris der 1960er-Jahre den Expressionisten zuordnete, ließ sie in die Vereinigten Staaten weiterziehen, wo sie mit Joan Mitchell (1925-1992) etwa auch auf jene Malerin traf, die erst jüngst wiederentdeckt werden musste. Auch das Kunsthaus Bregenz hatte sich im Sommer 2015 darum verdient gemacht. Die Institution am Bodensee, die an sich nicht mit einer eigenen Sammlung auftrumpft, sondern sich der zeitgenössischen Kunst und dem Produzieren vor Ort verschrieben hat, besitzt im Übrigen ein besonders wichtiges Lassnig-Werk.

Erstpräsentation

Das St. Galler Kunstmuseum, das nun seit einer Woche mit einer Retrospektive aufwartet, hat für diese auf ein paar Schweizer Sammlungen und die Lassnig-Stiftung zurückgegriffen. Das Kunstmuseum Basel übernahm eine Ausstellung von Zeichnungen und Aquarellen aus der Wiener Albertina, um sich in die Reihe von Projekten einreihen zu können, die im Hinblick auf den 100. Geburtstag im kommenden Jahr realisiert werden. Die Nationalgalerie in Prag stemmt bekanntermaßen zurzeit eine besonders große Schau, sich als Österreichs Nachbar im Westen Maria Lassnig zu widmen, bekommt der Schweiz gut. Und so rühmt sich gerade das Museum in St. Gallen zurecht, auch dem Frühwerk, den allgemein weniger bekannten, dem Informel zuzuordnenden Blättern, viel Raum zu geben. Direktor Roland Wäspe setzt als Kurator auf die Gliederung in Themenkomplexe und Werkgruppen.

Innovationskraft

Dass sie auf Arbeiten von Fritz Wotruba, Arnulf Rainer, Sophie Taeuber-Arp oder gar Roy Lichtenstein reagierte, sollte Lassnigs Innovationskraft nicht schmälern, einigen ihrer männlichen Kollegen, etwa De Kooning, war sie mitunter weit voraus und wer in einer erstmals öffentlich präsentierten Arbeit aus dem Jahr 1965 verdächtige Pop-Art-Streifen ausmacht, verkennt vielleicht weitere Motive, die einerseits Lassnigs Auseinandersetzung mit dem Tod andeuten oder gar die ungemein vielschichtigen Videoarbeiten. Lassnigs subversive Ansage „Ich bin die Frau Picasso“ beim Anschauen der Figurenbilder aus den frühen 1960er-Jahren im Kopf zu haben, erweitert die Betrachtungsperspektiven. Das Vertrauen in sich selbst, die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung durch die Umwelt bzw. die Betrachter sind Themen, die Lassnig immer wieder so behandelt, dass sie sich auf das eigene, bereits geschaffene Werk bezieht. Das Weglassen von Schwarz oder die Verwendung eines hellen Grüns sowie die Körperwahrnehmung sind vielzitierte Aspekte in einem umfangreichen, einnehmenden Werk, das Arbeit für Arbeit von enormer Kraft zeugt. Geschaffen wurden die Werke von einer Künstlerin, die etwa bereits hochbetagt dem bekannten Vorarlberger Fotokünstler Sepp Dreissinger begegnete, der sie in ihrer Unbefangenheit in „Maria Lassnig – Gespräche und Fotos“ porträtierte. Einen Weihnachtsabend verbrachte man spontan in der Küche der Künstlerin. Begleitet auf der Ukulele wurden stundenlang Lieder gesungen. Darunter waren hauptsächlich unfeierliche.

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