Ein Hoch auf den Kontrollverlust

von Christa Dietrich
Drei Männer und ein Bild: Die Premiere des Stücks „Kunst“ von Yasmina Reza wurde vom Publikum des Landestheaters am Bregenzer Kornmarkt bejubelt.  Stiplovsek

Drei Männer und ein Bild: Die Premiere des Stücks „Kunst“ von Yasmina Reza wurde vom Publikum des Landestheaters am Bregenzer Kornmarkt bejubelt.  Stiplovsek

Erfolgsstück "Kunst" von Yasmina Reza wird am Vorarlberger Landestheater aus guter Distanz betrachtet.

Bregenz „I‘m about to lose control and I think I like it“, singen die Pointer Sisters in „I‘m so excited“, dem Song, den Regisseurin Ute Liepold einspielen lässt, während sich die drei Protagonisten im Stück „Kunst“ die Kleider vom Leib reißen bzw. die Contenance vollends verlieren und das wunderbar finden. Waren sie kurz zuvor noch unversöhnlich, so liegen sich Serge, Marc und Yvan nach dem Tanz quasi ermattet in den Armen. Ob die Beziehung damit wieder eine Chance hat, bleibt offen. Beim Freundschaftsbeweis, den Serge anbietet, indem er Marc einen Stift in die Hand drückt, damit dieser sein monochrom weißes Bild übermale, dessen Kauf ihn so erzürnt hat, ist dem gut situierten Dermatologen nämlich nicht nur klar, dass der Techniker, mit dem er seit Jahren Diskurse über Alltagsbewältigung und  Weltanschauung ausfechten kann, keine Hemmungen haben wird und das teure Bild wirklich zerstört, er weiß auch etwas, was der zur Tat schreitende Marc nicht weiß – die Farbe lässt sich wieder abwaschen.

Wieder interessant

Mit der 1994 uraufgeführten Komödie „Kunst“ hat sich nun auch das Vorarlberger Landestheater ein Werk zurückgeholt, das am Beginn der fulminanten Karriere von Yasmina Reza stand und auch in der Region mehrfach gespielt wurde. Was vor „Drei Mal Leben“ oder „Der Gott des Gemetzels“ da war, daran erinnern interessanterweise immer wieder nicht nur die kleineren Unternehmen, die einen Lacherfolg ohne Peinlichkeiten brauchen, „Kunst“ war und ist auch für die großen Häuser von Berlin bis Wien bühnentauglich. Dünnhäutige Männer geben viel her, dass sie sich der eigenen Schwächen nicht gerne bewusst werden, dafür aber die nicht anwesenden Frauen scharf bis hämisch und vor allem überheblich kritisieren, das hat Ute Liepold, die aus Bregenz stammende Regisseurin, die in Kärnten wissenschaftlich und an Theatern tätig ist, feinfühlig herausgearbeitet. Manchmal reicht dazu ein Wort, ein Blick oder eine kleine Geste.

Marcus Thill ist ein Schauspieler, der derartige Könnerschaft rasch abrufen kann. Wie oft hat man in Serge hingegen schon den stolzen Gecken gesehen. Thill gibt den neuen Kunstbesitzer von vornherein auch in seiner Verletzlichkeit. Das macht „Kunst“ interessant. Und obwohl Sven Walser als Marc auf die Tube drücken kann, lässt er sich von der Regie mit großer Geschmeidigkeit als Typ zurechtbiegen, der imgrunde weiß, was er da anrichtet, wenn er ein monochromes Gemälde, also einen Vertreter eines anerkannten Genres in der Kunstgeschichte, als „Scheiße“ abtut. Der auch an seinen Frauenbeziehungen leidende, finanziell weniger gut ausgestattete Yvan ist jener Mann, den Reza kalkuliert eingesetzt hat, um breitere Identifikationsmöglichkeiten anzubieten. Marcus Calvin holt heraus, was herauszuholen ist, und zwar nach Möglichkeit auch enorme Stärke.

Sich mit dem Publikum in der Desavouierung der zeitgenössischen Kunst zu verbrüdern, diesen Fehler lässt Ute Liepold nicht zu. Ein klug eingesetzter Videoeffekt auf der von Frank Albert nur mit einem Sofa ausgestatteten Bühne führt zu einer Überhöhung, die dem Gesamtbild gut tut, in dem es in erster Linie um Fragen des Umgangs miteinander geht. Dass der Kontrollverlust der drei so weit reicht, dass sie sich wortwörtlich zum Affen machen, na ja, das hat Ute Liepold an Männern wohl beobachtet. Frauen haben dazu mitunter Gelegenheit. Die Jubelrufe am Kornmarkt hörten sich im Übrigen nach einem gleich verteilten Gemisch von weiblichen und männlichen Stimmen an.

Weitere Aufführungen ab 15. Mai im Bregenzer Kornmarkttheater, Gastspiel am 12. Juni in Lustenau: www.landestheater.org

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