„Carmen“ kommt nach London

von Christa Dietrich
Philippe Jordan führte die Wiener Symphoniker mit Wagner zu Hohenflügen.

Philippe Jordan führte die Wiener Symphoniker mit Wagner zu Hohenflügen.

Festspiele beenden eine ihrer bislang künstlerisch wie wirtschaftlich erfolgreichsten Saisonen.

Bregenz. (VN-cd) Eine Auslastung von hundert Prozent bei allen Musiktheaterproduktionen, das ist noch nie dagewesen und, so das Wetter bei den letzten zwei „Carmen“-Aufführungen am See hält (am gestrigen Freitagabend musste die zweite Regenabsage erfolgen), beenden die Bregenzer Festspiele die Saison mit rund 257.000 Besuchern. Nicht nur diese Fakten bestimmten die Bilanz, die Intendantin Elisabeth Sobotka, Präsident Hans-Peter Metzler und der kaufmännische Direktor Michael Diem zogen. Im nächsten Jahr wird bereits im Mai ein „Carmen“-Projekt für Kinder geboten und schon in wenigen Wochen kommt die Produktion in eines der bekanntesten Museen der Welt. Im Rahmen des London Design Festivals wird nämlich für das Victoria and Albert Museum eine Ausstellung mit Nachbauten verschiedener Kulissenteile der aktuellen Seebühnenproduktion sowie Objekten, die die Umsetzung des Entwurfes von Es Devlin für „Carmen“ erläutern und Bühnenbildmodellen von früheren See-Opern wie „André Chénier“, „Ein Maskenball“ und „Fidelio“ konzipiert. 

Nachfrage großer Häuser

Dass heuer erstmals eine Seebühnenproduktion schon vor der Premiere ausverkauft war, bezieht die Festspielleitung auch auf die Wirkung, die mit diesen Bühnenbildern erzeugt werde, deren Aufbau über Monate nachvollziehbar ist. Doch nicht nur die beiden Frauenhände mit den Spielkarten, mit denen Es Devlin einmal den Moment einfängt, in dem Carmen das Schicksal in den Karten liest, sondern, die ihr auch die Möglichkeit bieten, die Handlung unterstreichende Sujets und Verwandlungen per Video zu realisieren, haben ein enormes internationales Echo hervorgerufen. Die Bregenzer Besetzung und vor allem die Interpretation der Titelpartie durch Gaelle Arquez haben Nachfragen von großen Opernhäusern erzeugt und zu noch mehr Besuchen von Fachleuten geführt. Wie sie schon in einem Gespräch mit den VN erwähnte, hatte Intendantin Elisabeth Sobotka ihrem Regisseur Kasper Holten klargemacht, dass sie drei ideale Carmen für Bregenz haben will. Nur wenn diese seiner Idee zustimmen, dass eine der bekanntesten Opernfiguren auf dem See nicht erstochen, sondern ertränkt wird, wozu sie einen Tauchkurs zu absolvieren hatten, könne der Schluss hier so umgesetzt werden, dass die berühmte Beziehungsgeschichte in ihrer Grausamkeit bezüglich männlicher Besitzansprüche eine Pointierung erfährt.

Opern und Schauspiel

Die Oper „Carmen“ wird im kommenden Reprisenjahr 26 Mal angesetzt, wobei der kaufmännische Direktor Michael Diem davon ausgeht, dass eine oder zwei weitere Aufführungen noch zu verkaufen wären. Weniger optimistisch ist man bezüglich der Ausweitung der Aufführungszahl bei den Hausproduktionen. „Moses in Ägypten“ von Rossini war heuer nur drei Mal angesetzt, sofort bestens gebucht und schließlich zu 100 Prozent ausgelastet. Eine vierte hätten wir nicht verkaufen können, erklärte Sobotka. Die originelle Inszenierung von Lotte de Beer, die mit dem Theaterkollektiv „Hotel Modern“ arbeitete, kommt ab April nächsten Jahres auf den Spielplan der Oper Köln. Die Festspiele zeigen im Sommer 2018 wieder ein Werk jüngeren Datums. „Beatrice Cenci“ von Berthold Goldschmidt wurde 1949 komponiert und erst 1988 szenisch uraufgeführt. Basierend auf einer Geschichte aus dem späten 16. Jahrhundert wird von Gewalt und kirchlicher Korruption erzählt. Wie von den VN berichtet, ist für das Opernstudio am Kornmarkt nach drei Werken von Mozart „Der Barbier von Sevilla“ von Rossini geplant. Die Aufführungen von „To the Lighthouse“ von Zesses Seglias, dem ersten Opernatelier-Werk, waren ebenfalls ausverkauft. Gespräche bezüglich einer Übernahme durch ein anderes Haus gibt es, die Nutzungsrechte des Bühnenbildes, das der Künstler Jakob Kolding schuf, habe man sich gesichert, Elisabeth Sobotka zeigte sich gegenüber den VN auch erfreut darüber, dass der ORF das Werk in Ö1 ausstrahlt. Die Fortsetzung des Opernateliers ist angedacht, nach einem Gastspiel in diesem Jahr wird die Finanzierung einer Schauspielproduktion im nächsten und in weiteren Jahren möglich sein.

Ausbaumaßnahmen

Das gute Einspielergebnis erlaube dem Kulturunternehmen, das ein Gesamtbudget von knapp 23 Millionen hat, notwendige Ausbaumaßnahmen im technischen Bereich. Was die Ausweitung der Laufzeit der Festspiele betrifft, so versuche man Lösungen zu finden, die allerdings sehr stark vom Orchester abhängen, erklärt Intendantin Sobotka im Gespräch mit den VN. Man müsse diesbezüglich aber realistisch bleiben.

<p class="caption">„To the Lighthouse“ zeigt, was Musiktheater heute kann.</p>

„To the Lighthouse“ zeigt, was Musiktheater heute kann.

<p class="caption">Fetziger Auftakt mit „Sonus Brass“.</p>

Fetziger Auftakt mit „Sonus Brass“.

<p class="caption">„Moses in Ägypten“ von Rossini überzeugte mit besonderem Regiekonzept.</p>

„Moses in Ägypten“ von Rossini überzeugte mit besonderem Regiekonzept.

<p class="caption">„Brass Espagnole“ versammelte die besten Blasmusiker der Region.</p>

„Brass Espagnole“ versammelte die besten Blasmusiker der Region.

<p class="caption">„Le nozze di Figaro“ lässt erwartungsvoll auf den „Barbier“ im Opernstudio blicken.</p>

„Le nozze di Figaro“ lässt erwartungsvoll auf den „Barbier“ im Opernstudio blicken.

<p class="caption">Sobotka: "Wir möchten Musiktheater von unterschiedlichen Seiten beleuchten."</p>

Sobotka: "Wir möchten Musiktheater von unterschiedlichen Seiten beleuchten."

<p class="caption">„Carmen“ ist die erste Seebühnenproduktion der Festspielgeschichte, die vor der Premiere ausverkauft war.</p>

„Carmen“ ist die erste Seebühnenproduktion der Festspielgeschichte, die vor der Premiere ausverkauft war.

<p class="caption">Mit „Carmen“ war in diesem Jahr erstmals eine neue Seebühnenproduktion schon vor der Premiere ausverkauft.  Fotos: VN/Steurer, BF/Köhler</p>

Mit „Carmen“ war in diesem Jahr erstmals eine neue Seebühnenproduktion schon vor der Premiere ausverkauft.  Fotos: VN/Steurer, BF/Köhler

<p class="caption">Mit „Carmen“ war in diesem Jahr erstmals eine neue Seebühnenproduktion schon vor der Premiere ausverkauft.  Fotos: VN/Steurer, BF/Köhler</p>

Mit „Carmen“ war in diesem Jahr erstmals eine neue Seebühnenproduktion schon vor der Premiere ausverkauft.  Fotos: VN/Steurer, BF/Köhler

Die Saison war für mich die Erfüllung künstlerischer Visionen.

Elisabeth Sobotka

Besucherzahlen

» Gesamtbesucher: rund 257.000

» „Carmen“ auf dem See: 193.800 (bei bislang zwei Regenabsagen) Auslastung: 100 Prozent

» „Moses in Ägypten“: 4614, Auslastung: 100 Prozent

» „Le nozze di Figaro“: 1955, Auslastung: 100 Prozent

» Orchesterkonzerte: 5720

» „To the Lighthouse“: 664, Auslastung: 100 Prozent

» Führungen: 30.286

» sowie Crossculture, Musik & Poesie, Schauspiel etc.

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