Bild, Klang und Bewegung als Einheit

von Christa Dietrich
Die Produktion erweist sich als hervorragend besetzt. Im Bild: Christie Finn, Jean-Marc Salzmann und Matthew Richardson (v. l.).

Die Produktion erweist sich als hervorragend besetzt. Im Bild: Christie Finn, Jean-Marc Salzmann und Matthew Richardson (v. l.).

Es ist ein Klassiker und doch zeigt „To the Lighthouse“, was Musiktheater heute kann.

Bregenz. Einfach hingehen, Musik, Sprache, Sprechgesang und Optik auf sich wirken lassen, geht das? Es geht. Wer die meisten der sieben Einblicke, die die Bregenzer Festspiele seit dem Frühjahr 2015 ermöglichten, erlebt hat, der brauchte nur einen Neuling in die Uraufführung mitzuschleppen, um zu testen, wie viel man über die Romanvorlage von Virginia Woolf und über den aus Griechenland stammenden Komponisten Zesses Seglias wissen sollte, der gemeinsam mit dem österreichischen Autor und Regisseur Ernst M. Binder und im Bund mit dem Festspiel-Dramaturgen Olaf Schmitt die fast schon verwegene Idee hegte, die Weltliteratur nach Texten abzuscannen, die mit möglichst wenig Handlung und weitgehend ohne Dialoge auskommen und dennoch viel zu sagen haben.

Bei Virginia Woolf (1882-1941) und deren 1927 erschienenem Roman „To the Lighthouse“ fündig geworden zu sein, zeichnet das Team einmal aus, weil es sich dabei um einen modernen Klassiker handelt, der weit weniger im Gedächtnis verankert ist, als der „Ulysses“ von James Joyce, in seiner Modernität aber auf gleicher Höhe steht. Andererseits hegte der erst 33-jährige Seglias, der in Graz bei Beat Furrer studierte, aber auch mit dem in Bregenz von Uraufführungen gut bekannten und mittlerweile international renommierten Georg Friedrich Haas in Berührung kam, die Absicht, innere Monologe, Gedanken und Bewusstseinsstränge über die Musik bzw. mit Klangbildern zu verdeutlichen, die deshalb auch nie zu Klangflächen werden, sondern mit dem Text eine ergänzende Einheit bilden. Selbiger liest sich nicht als Extraktion, Ernst M. Binder, dem kenntnisreichen, im Jänner dieses Jahres verstorbenen Mitstreiter, dem die Festspiele die Uraufführung widmen, schafft ein hochpoetisches, eigenständiges Werk in englischer Sprache, das die Konflikte der Familie Ramsay und ihrer Gäste transportiert.

Sogwirkung

Unbändiger Zorn auf einen Vater, der die Hoffnungen eines Kindes auf eine ersehnte Fahrt zu einem Leuchtturm zunichte macht, Überheblichkeit, Selbstzweifel einer Künstlerin, rationale und intuitive Entscheidungen sind die eigentlichen Themen, die Zeit zwischen 1910 und 1920 mit einem Krieg, gesellschaftlichen Veränderungen oder der Einführung des Wahlrechts für Frauen bildet den Rahmen, der für die Rezeption der Geschichte allerdings nicht strikt abgegrenzt ist, sind die inneren Vorgänge doch zeitlos. Dieser Moment kommt selbstverständlich in der Musik zum Tragen, der die Französin Claire Levacher große Klarheit verleiht. Perkussive Einsätze, das Ausreizen der stimmlichen Möglichkeiten bis hin zum Krächzen und Spielarten, die auch ein Streichen über die Wirbel am Geigengriff nicht ausschließen, so zu behandeln, dass die einzelnen Elemente nicht nur stets auszumachen sind, sondern Sogwirkung erzeugen, braucht eine durch und durch entscheidungsfreudige Lesart. Zum 15-köpfigen Ensemble aus dem Symphonieorchester Vorarlberg, in dem viele Solistenfunktionen auszuüben haben, kommen noch ein Akkordeonist, eine Pianistin und ein E-Gitarrist. Was die Musik auszeichnet, ist die Einlösung ihrer intendierten Funktion als weiterführende Interpretationseinheit, die trotz pulsierender Passagen und großem Trommelwirbel niemals auch nur einen Moment zur Illustration verkommt.

Potenzial

Neben Vibeke Andersen mit ihren historisierenden Kostümen schreitet da der dänische Künstler Jakob Kolding ein, der in seiner Collagemanier auf ein Shakespeare-, ein Freud-Porträt und sogar auf eines von einem Habsburger setzen darf und sich damit nicht in den Vordergrund drängt, was als Pfeife sichtbar ist, das wissen wir von Magritte, muss nicht eine solche sein. Bild, Klang und Bewegung als Einheit zusammenzuführen, ist die große Leistung von Regisseur Olivier Tambosi, der es schafft, die Menschen erstarren zu lassen oder in Gang zu setzen, ohne dass man sich mit choreografischem Theater oder mit Artifiziellem konfrontiert sieht. Wenn die amerikanische Sopranistin Christie Finn als Mrs. Ramsay singt oder spricht, erzeugt sie Anteilnahme, genauso versteht es Sophia Burgos (Lily Briscoe), den Zuschauer intuitiv anzusprechen. Jean-Marc Salzmann, Alexander York, Adrian Clarke, Taylan Reinhard, Sébastien Soulès, Dalia Schaechter und vor allem auch der erst elfjährige Matthew Richardson bilden ein Ensemble, das sich jeweils Raum verschafft, der sich durchaus in die Zuschauerränge erstreckt und vor den Einblicke-Teilnehmern wohl selten Halt macht. Dass er aber auch die anderen erreichen kann, sollte nicht zum Verzicht selbiger führen und das Opernatelier als von Elisabeth Sobotka geschaffene Werkstatt, in der formuliert wird, was Musiktheater kann, wird ohnehin weitergeführt, hat man doch schon zum Start ein Werk geschaffen, das das Potenzial hat, in der großen Musiktheaterszene sichtbar zu bleiben.

Nächste Aufführung von
„To the Lighthouse“ am 18. August, 20 Uhr, auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspielhaus.
Dauer: knapp 1,5 Stunden

<p class="caption">Mit der Uraufführung von „To the Lighthouse“ von Zesses Seglias und Ernst M. Binder, einem Projekt, bei dem Musik, Text und Szene eine Einheit bilden, starteten die Festspiele ihr Opernatelier.  Fotos: Sams</p>

Mit der Uraufführung von „To the Lighthouse“ von Zesses Seglias und Ernst M. Binder, einem Projekt, bei dem Musik, Text und Szene eine Einheit bilden, starteten die Festspiele ihr Opernatelier.  Fotos: Sams

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