Ausgefuchste Werkwahl führte zu Musikerlebnis

von Fritz Jurmann
Rund 90 junge Musiker nahmen heuer am Blasmusik-Camp der Festspiele teil. Foto: BF/Köhler

Rund 90 junge Musiker nahmen heuer am Blasmusik-Camp der Festspiele teil. Foto: BF/Köhler

Mitreißende Matinee des Internationalen Blasmusik-Camps der Festspiele.

BREGENZ. Auch das dritte Internationale Blasmusik-Camp der Bregenzer Festspiele endete gestern mit der Matinee als einer imposanten Leistungsschau darüber, was Blasmusik alles kann. Nicht weniger als knapp 90 junge, auf ihre Qualität geprüfte Blasmusiker aus ganz Österreich und der Bodenseeregion waren zuvor von zehn Dozenten der Wiener Symphoniker in unglaublich kurzen fünf Tagen zu einem großen Ganzen geformt worden – einem symphonischen Blasorchester, das diesen Namen wirklich verdient hat und unter der eloquenten Gesamtleitung von Symphoniker Martin Kerschbaum (56) zu ganz großer Form auflief.

Bemühungen, junge heimische Blasmusiker während der Ferien durch Profis des Festspielorchesters weiterbilden zu lassen, nahmen vor über 20 Jahren an der Bregenzer Musikschule ihren Anfang. Die vom stv. Landesjugendreferenten des mitveranstaltenden Blasmusikverbandes Vorarlberg, dem rührigen Christoph Indrist, erstmals 2013 praktizierte Neukonstruktion hat sich im Zweijahresrhythmus einen fixen Platz im offiziellen Festspielprogramm erobert. Moderatorin Bettina Barnay vom ORF als drittem Partner hat den vollen Saal im kleinen Finger und trägt in ihrer pointierten Moderation entscheidend zur guten Stimmung bei.

Höhenflüge

Da wird nun mit Dozenten und Absolventen friedlich vereint auf der randvoll besetzten Bühne und mit stark weiblichem Anteil gezeigt, was Blasmusik eigentlich können sollte, wenn nur die rechten Leute am Werk sind. So dirigiert nämlich ein Motivationstalent wie Symphoniker-Schlagzeuger Martin Kerschbaum, der sich in seiner zweiten Karriere am Taktstock auch in der Blasmusik bestens auskennt, Ruhe und Sicherheit ausstrahlt und seine blind auf ihn eingeschworenen Youngsters auf Höhenflüge führt, wie man sie nicht für möglich gehalten hätte. Seine ausgefuchste Werkauswahl hat er diesmal unter dem Motto „Brass Espagnole“ mit mediterranem Flair eng mit dem Programm der Festspiele verknüpft und präsentiert eine publikumswirksame Mischung, die in Klang und Qualität der Aufführung einem Symphonieorchester oft verblüffend nahe kommt.

Die Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“ von Rossini, dem Komponisten der Hausoper „Moses in Ägypten“, gerät am Beginn zwar noch etwas zögerlich. Doch bereits beim finalen Gassenhauer erblüht das Orchester schlank zu voller Größe, mit allein neun Flöten, vier Oboen und einem Wald von Klarinetten, die auch weiter gegen den geballten Blechpanzer bestehen. Einzig bei Richard Wagners „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ bleibt der Fluss der unendlichen Melodie in durchaus irdischen spieltechnischen Belangen stecken. War vielleicht doch eine Nummer zu groß.

Das erste Highlight dieser Matinee ist ein Paukenkonzert des Südtirolers Norbert Rabanser mit dem jungen Blondschopf Raphael Keller, der durch Kraft, Sensibilität und Virtuosität an seinen Instrumenten gleichermaßen beeindruckt. Vor allem aber sind es auch mehrere herausragende Spezialarrangements für diese Besetzung, in denen schillernde Klangfarben, Effekte, aber auch das instrumentale Können und Präzision der Musiker besonders zur Wirkung kommen. Da ist eine der vielen „Carmen“-Fantasien, deren Themen der Japaner Eiji Suzuki zu einer umwerfenden Readers-Digest-Version komprimiert hat. Da ist der schmachtende Tenorhit „Granada“ aus den Radio-Wunschkonzerten, der hier instrumental eine großartige Modulation durch alle Tonarten erfährt, und das temperamentvolle südamerikanische „El Cumbachero“, bei dem Martin Kerschbaums Schlagzeug-Kollegen von der letzten Reihe eine ganze Menge zu tun kriegen. Dafür und für den „Florentiner-Marsch“ als Zugabe gibt es am Schluss sogar Standing Ovations und die Zusicherung von der Intendantin, dass es mit diesem Projekt bereits im nächsten Jahr weitergehen wird.

Hörfunk-Wiedergabe: 10. und 17. September, 20.05 Uhr, Radio Vorarlberg

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