Salzburger Festspiele. Verdis "Aida", dirigiert von Riccardo Muti, inszeniert von Shirin Neshat, mit Anna Netrebko in der Titelrolle

Vom Glamour-Faktor bis zum szenischen Totalausfall

von Christa Dietrich
Solisten (v. l.) Anna Netrebko, Luca Salsi, Roberto Tagliavini, Francesco Meli, Ekaterina Semenchuk und Chöre in „Aida“.  Foto: APA

Solisten (v. l.) Anna Netrebko, Luca Salsi, Roberto Tagliavini, Francesco Meli, Ekaterina Semenchuk und Chöre in „Aida“.  Foto: APA

Den geschürten hohen Erwartungen konnte „Aida“ nur akustisch gerecht werden.

Salzburg. Die Werke von Shirin Neshat im Dachgeschoß des Museums Correr am Markusplatz in Venedig zählen zum Besten, was es im Umfeld der diesjährigen Biennale zu sehen gibt. Das bezieht sich auf die neue Videoarbeit ebenso wie auf die schon ältere Fotoserie. Die hoch ästhetische und dabei tief berührende Auseinandersetzung mit Ethnien auf eine Oper wie Verdis 1871 uraufgeführte „Aida“ zu übertragen, in der eine Volksgruppe von einer anderen geknechtet wird, in der Religion mit Unterwerfungsmechanismen einhergeht, ist ihr nicht gelungen. Ein Teil des Publikums im Großen Salzburger Festspielhaus trachtete am Sonntagabend zwar danach, die Buhrufer mit besonders lauter Zustimmung zu übertönen, von einer stürmisch gefeierten Produktion ist jedoch nicht zu berichten. Ein Aufbranden des Applauses für die Sänger samt Sonderjubel für Anna Netrebko, viele Bravos für den Dirigenten Riccardo Muti, gespaltene Meinungen über die Regie – und schon leerte sich der Saal.

Wer nicht für den Smalltalk, sondern nur für die Kunst gekommen war, behält das ungemein langsame Befüllen der Sitzreihen nach zwei ohnehin langen Pausen fast ebenso verstörend in Erinnerung wie das altbackene Rampensingen, gegen das die gefeierte, aus dem Iran stammende und in den USA ausgebildete Künstlerin kein Mittel parat hatte. Lediglich Tableaus zu entwickeln ist zwar althergebracht, mag aber akzeptabel sein, wenn Neshat die politische Führungsschicht aufmarschieren lässt, die von Tatyana van Walsum wie Popen, Nonnen, orthodoxe Würdenträger, orientalische Priesterinnen und Priester gekleidet wurden, während Tänzer in Tiermasken noch etwas Archaik dazumischen, dann lässt sich natürlich erahnen, dass sie Repressionsmechanismen sichtbar machen will, unter denen sie selbst litt und die in „Aida“, der Geschichte von gefangenen Äthiopiern in Ägypten, ein Thema sind, derart aufgereiht ist das aber lediglich Religionskitsch. Es trifft nicht, greift nicht, wirkt zuweilen unfreiwillig komisch und wie die Übertragung der Arena-di-Verona-Szenerie ins Große Salzburger Festspielhaus, in dem allerdings nicht sommerliche Unterhaltung angesagt sein darf, sondern Vertiefung. Egal wie hoch der Glamour-Faktor angesichts einer Starbesetzung und anwesender Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kunst auch ist.

Außer von Anna Netrebko

Die hohen Erwartungen, die man zurecht hegen darf, wurden nicht erfüllt, außer von der zweiten Debütantin des Abends, nämlich von Anna Netrebko. Die Sopranistin hatte sich vor einigen Jahren für Salzburg die Leonore im „Trovatore“ erarbeitet und präsentierte nun das dazugewonnene dramatische, dunklere Timbre als Aida quasi auf dem Silbertablett, ist die Höhe doch fast noch leuchtender geworden, mit der sie eine innige Rollengestaltung formt. Francesco Meli brilliert als Radames mit schlank geführtem Tenor, leicht angestrengt wirkend in der Antrittsarie, die Verdi mit teuflisch exponierten Tönen versehen hat, singt er sich frei und macht ebenso wie Anna Netrebko wett, dass offenbar auch auf eine stringente Personenregie verzichtet wurde. Derartige Allerweltsgesten wegzulassen, so viel Ehrgeiz entwickeln mittlerweile auch kleine Provinzbühnen. Unter dem szenischen Totalausfall leidet vor allem Ekaterina Semenchuk als Amneris, die stimmlich absolut präsent ist, darstellerisch aber ebenso untergeht wie der großartige Luca Salsi als Amonasro, der seine perfiden Vorhaben nicht ausspielen kann. Dass Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern absolut detailgenau gearbeitet hat, davon durfte man ausgehen und das war auch zu genießen. Der Bühnenklotz von Christian Schmidt versinnbildlicht treffend Diktatoren-Architektur und bietet nicht nur verschiedene Auftrittspodien bis hin zur Gruft für Radames und Aida, der Sichtbeton taugt auch als Projektionsfläche für Videos, für die Neshat eine Gruppe von Flüchtlingen oder Altherren-Priesterchöre abfilmen ließ. Das ist alles begreifbar, da flackert dann immerhin so etwas wie ein Regiekonzept auf. Es wäre schön gewesen und so bleibt die „Aida“ nur ein besonderes Klangereignis, zu dem auch Roberto Tagliavini einiges beiträgt, das in erster Linie aber Muti und Netrebko bewirkten.

Weitere Aufführungen vom 9. bis 25. August im Großen Festspielhaus in Salzburg. Fernsehausstrahlung: 12. August, 20.15 Uhr, ORF2 und ARTE, 25. August, 23 Uhr, ZDF

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