Salzburger Festspiele. „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch mit brillantem Debüt von Mariss Jansons

Der Komponist blieb an Sex und Gewalt nichts schuldig

von Christa Dietrich
„Lady Macbeth von Mzensk“: Nach dem Geschlechtsakt folgt die Auspeitschung.  Foto: APA

„Lady Macbeth von Mzensk“: Nach dem Geschlechtsakt folgt die Auspeitschung.  Foto: APA

Mariss Jansons und Andreas Kriegenburg formten eine großartige „Lady Macbeth“.

Salzburg. Seiner Erzählung über das Schicksal der Katerina Lwowna ist es zu verdanken, dass Nikolai Leskow (1831-1895) neben Größen wie Tolstoi und Dostojewski nicht ganz verschwindet. Noch kurz vor dem Jahrhundertroman „Verbrechen und Strafe“ des Letztgenannten erscheint in den 1860er-Jahren die Geschichte der „Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk“, die Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) als Oper in der Urfassung in den 1930er-Jahren präsentierte. Das Werk, in dem es nicht mehr wie bei Strawinsky um eine musikalische Darstellung von Erotik, sondern um puren Sex, Begierden, Trieb, aber auch um rohe Gewalt geht, war nur kurzzeitig ein Erfolg. Schostakowitsch litt, wie man weiß, sehr unter Stalin, der derlei Realismus von den Bühnen bannte.

Dass „Lady Macbeth von Mzensk“ von Alexander Prejs ein Libretto verpasst bekam, das die zugrundeliegende Novelle an sich banalisiert, tut nichts zur Sache, der Titel ist zurecht von Shakespeares düsterem Drama entlehnt, die Partitur verhüllt nichts und gerade in den letzten Jahren stellten sich namhafte Dirigenten und Regisseure der Herausforderung, das Koitieren und Ermorden, die Lust und den Schmerz hör- und sichtbar zu machen. In München waren das jüngst Kirill Petrenko und Harry Kupfer, die Salzburger Festspiele holten sich Mariss Jansons, der sich, um es gleich zu sagen, damit als Superstar der Saison ausweist, und Andreas Kriegenburg, der auch die psychologische Ebene und selbst den sarkastischen Witz gut in den Griff bekommt.

Wenn Nina Stemme als Katerina Lwowna Ismailowa im eleganten, dunkelblauen Kleid auf einer Bühne steht, die nichts anderes als Tristesse verströmt, ist das kurz gewöhnungsbedürftig. Zwei Räume, nämlich ihr Mittelschicht-Schlafzimmer und ein Kaufmannsbüro, schieben sich vor die schäbigen, längst baufälligen Wohnsilos, mit denen Harald B. Thor das riesige Podium im Großen Festspielhaus füllt. Wer in solchen Rattenbehausungen wohnt, für den gilt Fressen oder Gefressenwerden. Nicht zufällig besprüht sich Firmenboss Boris Timofejewitsch Ismailow stets mit einem Desinfektionsmittel. Dass Katerina dem Ekelpaket von Schwiegervater, der nach ihr giert und ihr auch noch die Schuld für die Lendenlahmheit des Sohnes gibt, Rattengift ins Pilzgericht streut, ergibt sich somit fast als logische Folge. Empathie ist kein Thema unter derart ausgebeuteter Arbeiterschaft, Frauen bekommen das im Besonderen zu spüren und während der erste Mord von Katerina noch von Skrupeln begleitet ist, hegt der Zuschauer diese nicht.

Absolut klischeefrei

Kriegenburg schafft es, mit Nina Stemme eine Katerina zu formen, die absolut klischeefrei dasteht. Nichts an blödsinniger, unterdrückter und hervorbrechender Lüsternheit, das der Figur oft angeheftet wird, ist vorhanden. Die junge Frau geriet in eine kalte, rücksichtslose Männerwelt, versucht Würde zu bewahren und sich zu behaupten und bemerkt erst spät, dass der Liebhaber, mit dem sie die Sexualität entdeckt, auch nichts taugt. Der Schluss ist vorhersehbar, sie endet hier allerdings nicht in der Wolga, sondern am Strick, reißt aber noch die Nebenbuhlerin mit. Dass ihr Energielevel nicht unter jenem von Sergej liegt, wird nicht nur in der Musik, sondern auch im Spiel sichtbar, die Gedankenwelt bringt Kriegenburg mit farblichen Überblendungen ein, er verdeckt nichts an Grobheit, bringt animalische Begierden bis zum schmalen Grat zwischen Lust und Gewalt zur Wirkung, macht Korruption und auch den gelegentlich auftauchenden, beißenden Witz deutlich und hört genau auf die Musik.

Was auch sonst. Am Pult der Wiener Philharmoniker steht mit Mariss Jansons ein Feinzeichner, der die Geschichte auch konzertant so vermitteln könnte, dass einem keine Details entgehen. Nina Stemme bewältigt die Partie kraftvoll und mit einer Härte in der Höhe, die hier durchaus passend wirkt. Brandon Jovanovich bringt die Durchtriebenheit der Person auch stimmlich gut zum Ausdruck und Dmitry Ulyanov und Maxim Paster lassen an Bosheit nichts vermissen. Die Philharmoniker sind sowieso eine Wucht, nur der Chor fällt im dritten Akt deutlich ab. Egal wie sehr die Blicke auf „Aida“ gerichtet sind, die am Sonntagabend Premiere hatte, mit dieser „Lady Macbeth von Mzensk“ haben die Salzburger Festspiele eine großartige Produktion realisiert.

Weitere Aufführungen am 10., 15. und 21. August im Großen Festspielhaus in Salzburg, Hörfunk-Ausstrahlung am 8. August, 20.03 Uhr auf BR-Klassik

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