Kommentar

Walter Fink

Schmaler Grat der Hoffnung

Es ist lange her, ein Vierteljahrhundert etwa, da hatte ich im Landesstudio Vorarlberg das Vergnügen, mit einem ganz besonderen Menschen ein Gespräch zu führen. Der Schweizer Jean Ziegler hatte kurz vorher sein Buch „Die Schweiz wäscht weißer. Die Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens“ herausgebracht und sich den ewigen Zorn der Schweizer Banken zugezogen. Aber nicht nur die Banken stellten sich heftig gegen ihn, sondern auch große Teile der Bevölkerung in der Schweiz, die nicht wahrhaben wollten, dass der Reichtum ihres Landes nicht nur auf ihrem Fleiß, sondern nicht zuletzt auf dem unbefangenen Umgang der Banken mit Diktatoren, Verbrechern und Banditen aus allen Teilen der Welt, vor allem auch aus dem nationalsozialistischen Deutschland beruht.

Jean Ziegler hielt ihnen den Spiegel vor und bekam nicht nur freundliche Post. „Fassen Sie Mut und erhängen Sie sich“, schrieb ihm ein Metzger aus dem Zürcher Oberland. Der eindringlichen Bitte in dem zugestellten Paket lag noch ein Strick bei. Viel angenehmer wurden die Meldungen auch nicht, als Ziegler 2002 „Die Schweiz, das Gold und die Toten“ herausbrachte.

Ziegler hat nie zurückgesteckt, er hat im Gegenteil seine Kritik im Laufe der Jahre weit über die Schweiz hinausgezogen, wurde geradezu so etwas wie das „Gewissen der Welt“, wie das einmal ein Journalist formuliert hat. Regelmäßig brachte er seine Bücher heraus, in denen er nachwies, dass es bei entsprechenden Anstrengungen möglich wäre, den Hunger auf der Welt auszurotten und bei Vernunft und weniger Eitelkeit der Politik auch Kriege zu vermeiden.

Mit seinem neuen Buch „Der schmale Grat der Hoffnung“ (Bertelsmann Verlag) ist Ziegler derzeit unterwegs, um für genau diese Hoffnung zu werben – nicht ohne Kritik zu üben: „Die 85 reichsten Milliardäre der Welt haben 2015 so viele Vermögenswerte wie die ärmeren 4,5 Milliarden der Weltbevölkerung.“ Und eine noch erschreckendere Zahl: „Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Fast eine Milliarde Menschen ist fast permanent schwerst unterernährt.“

Und trotzdem: Ziegler sieht Hoffnung. Und zwar in uns allen. Es könne nur gehen, wenn die Menschen Problembewusstsein zeigen würden. Und das sei der Fall, in einem so hohen Ausmaß wie noch nie, meint Ziegler. Darin liege letztlich die Überlebenschance der Menschheit. Eine gute Chance, wie Ziegler meint.

walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

Es könne nur gehen, wenn die Menschen Problembewusstsein zeigen würden. Das sei der Fall.

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