AN DEN BÜHNEN DER REGION. Selten gespieltes Prokofjew-Werk „Der feurige Engel“ am Opernhaus Zürich

Eine Partitur, die ins Extreme geht

Ausrine Stundyte und Leigh Melrose (r.) begeistern in Prokofjews „Der feurige Engel“. Foto: Oper/Rittershaus

Ausrine Stundyte und Leigh Melrose (r.) begeistern in Prokofjews „Der feurige Engel“. Foto: Oper/Rittershaus

Regisseur Calixto Bieito erzählt uns in Prokofjews Oper schlüssig die Geschichte einer traumatisierten Frau.

ZÜRICH. (tb) Unsere Seele ist ein Haus mit vielen Zimmern. Dasjenige von Renata, der unglücklichen Hauptfigur der in den 1920er-Jahren komponierten Oper „Der feurige Engel“ von Sergej Prokofjew, steht auf dem Drehteller und umfasst sogar stolze 16 Stahltürme. Wände aus Holz sind eingepasst in den Riesenkubus, den Rebecca Ringst für Calixto Bieitos Zürcher Neuinszenierung des szenisch erstmals 1955 gegebenen Werks entworfen hat. Rätselhafte Gestalten hausen in den Kammern, unter denen ein Kinderzimmer und ein Behandlungszimmer hervorstechen. Albtraumhafte Videobilder von Sarah Derendinger flackern über Wände, und ein deutungsoffen angelegter, freilich unheimlicher älterer Mann, der mit Renata in einer unheilvollen Beziehung zu stehen scheint, geistert durch die Szene.

Bieito und sein Team ziehen uns kraftvoll und kompromisslos ins Innere einer schwer traumatisierten Frau. Renatas Erzählung von einem feurigen Engel, der einst der Achtjährigen erschienen sein soll, wird gedeutet als Erinnerung an einen Missbrauch oder einen vergleichbaren Schock. Und Ruprecht, welcher der für ihn unerreichbaren Renata bis zur Selbstaufgabe verfällt und auf der Suche nach dem Engel beziehungsweise dessen Inkarnation im Grafen Heinrich hilft, erweist sich je länger, je deutlicher als Seelenverwandter der von Angstzuständen gepeinigten Frau. Erstaunlich, wie schlüssig sich das vom Komponisten nach der Romanvorlage des russischen Symbolisten Walerij Brjusow erstellte Libretto, dessen Handlung im deutschen Mittelalter angesiedelt ist, dieser Regie fügt.

Singdarstellerisch ausgefeilt

Dass das alles so gut funktioniert, und vom Premierenpublikum entsprechend stark applaudiert wird, ist freilich auch wesentlich das Verdienst der Sopranistin Ausrine Stundyte und des Bassbaritons Leigh Melrose, die die Hauptpartien vokal und schauspielerisch nach jeder Seite hin und mit einer Intensität sondergleichen ausfüllen. Gianandrea Noseda am Dirigentenpult unternimmt mit der Philharmonia Zürich Klangreisen von der wuchtigen Orchestertotale bis hin zum zart tönenden Lyrismus. Es ist eine Partitur, die in ihrer Expressivität ins Extreme geht.

Nächste Aufführungen am 11., 14., 25. und 28. Mai: www.opernhaus.ch

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