Die Akteurinnen reißen es raus

von Christa Dietrich
Großartig: Marie Florentina Fürnschuß. Foto: LT/Köhler

Großartig: Marie Florentina Fürnschuß. Foto: LT/Köhler

Starke Frauen und ein Mädchen möbeln Mittelmäßiges zum großen Abend auf.

Bregenz. Sie bestechen mit Präsenz, sobald sie in Erscheinung treten, sie können hervorragend singen, beherrschen das Ausspielen von Selbstironie und konnten davon ausgehen, dass Sonderbegabungen in den Jugendclubs des Vorarlberger Landestheaters derart geschult werden, dass auch eine Zwölfjährige in der Lage ist, vier gestandenen Schauspielerinnen Paroli zu bieten. Und das mit einem durchaus komplexen Text.

Mit „Und jetzt: Die Welt!“ und dann noch „Und dann kam Mirna“ hat die deutsche Autorin Sibylle Berg (geb. 1962) zwei Stücke verfasst, die einmal in die Zeit oder Theaterintendanten in den Kram passten. Geht es doch um die Orientierungssuche junger Frauen, die im urbanen Umfeld sozialisiert wurden, sich in Mädchengangs oder gelegentlich am Rande der Legalität behaupten, oder damit zu kämpfen haben, dass eine auch noch so gute Ausbildung kein Garant für einen adäquat bezahlten Job ist. Vor vier Jahren erstmals in Berlin aufgetaucht, präsentiert das Landestheater nun den ersten und zweiten Teil der beredten Zustandsbeschreibung im Doppelpack als österreichische Erstaufführung. Den Grad der Überhöhung darf der Zuschauer dem Treiben je nach Erfahrung mit Selbstfindungsprozessen selbst beimessen. Dass ein Ausweichen aus einer in den letzten Jahrzehnten ohnehin breiter gewordenen Palette an in Mitteleuropa zur Verfügung stehenden Rollenbildern mitunter anstrengend ist, dürfte ebenso hinlänglich bekannt sein wie die Tatsache, dass es ohne Ärmel hochkrempeln und Verantwortung übernehmen nicht geht. Viel mehr verhandelt Berg in diesen Texten allerdings nicht.

Gut gebaut

Mit gut gebauten Solo- und Ensemblepassagen, witzig-frechen Sätzen und Verweisen auf neue Medien kann sie punkten. Obwohl bereits ausgezeichnet, erreicht der Text im Großen und Ganzen aber nur ein Mittelmaß. Dass nach der Geburt des ersten Kindes mitunter Ernüchterung eintritt, dieses Thema ist, pardon, derart abgestanden, dass man wegdriften würde, zeigte Mirna nicht auf unwiderstehliche Art, dass eine rosarote Mädchenwelt und ein sich stets neu einstellender Wissensdurst einander nicht ausschließen. Mit der zwölfjährigen Lustenauerin Marie Florentina Fürnschuß hat das Theater eine junge Akteurin im Premierenteam, die das mit augenzwinkernder und daher stimmiger Altklugheit zu vermitteln vermag. Die Akteurinnen reißen das Stück somit raus. Stefanie Rösner, Bo-Phyllis Strube, Yanna Rüger und Alexandra Maria Nutz zeigen, von Regisseurin Nele Weber gut zum Ensemble verschweißt, nicht diverse Strategien, sondern in der knallbunten Ausstattung von Elisabeth Weiß und Regine Standfuss ein wildes Kaleidoskop an Befindlichkeit. Und das so im Hier und Jetzt, dass die Spannung durchgehend erhalten bleibt.

Weitere Aufführungen der Stücke ab 9. Mai im Bregenzer Kornmarkttheater: www.landestheater.org

<p class="caption">Bo-Phyllis Strube, Yanna Rüger, Stefanie Rösner und Alexandra Maria Nutz in „Und jetzt: Die Welt!“. Foto: VN/Hartinger</p>

Bo-Phyllis Strube, Yanna Rüger, Stefanie Rösner und Alexandra Maria Nutz in „Und jetzt: Die Welt!“. Foto: VN/Hartinger

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