AN BÜHNEN DER REGION. „Die 120 Tage von Sodom“ am Schauspielhaus Zürich

Ein Projekt, das sich für die Würde in die Bresche schlägt

Szene aus „Die 120 Tage von Sodom“, uraufgeführt unter der Regie von Milo Rau. Foto: Schauspielhaus/Suter

Szene aus „Die 120 Tage von Sodom“, uraufgeführt unter der Regie von Milo Rau. Foto: Schauspielhaus/Suter

Milo Rau hat zusammen mit einem Behindertentheater Stoffe von de Sade und Pasolini umgesetzt.

ZÜRICH. (tb) Vom Skandalroman zum Skandalfilm zum Skandaltheater? Die in Winzigbuchstaben beschriebene zwölf Meter lange Schriftrolle „Die 120 Tage von Sodom“ des Franzosen Marquis de Sade aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert leistet eine planvolle Vermessung zerstörerischer Lüste.

Die gleichnamige Filmadaption des Italieners Pier Paolo Pasolini von 1975 verlegte diese Enzyklopädie des Grauens in einen faschistischen Marionettenstaat im Norditalien des Jahres 1944 und klagte in drastischen Bildern Macht- und Konsumgeilheit der 1970er-Jahre ein. Jetzt hat der 40-jährige Milo Rau, der bekannte Schweizer Regisseur und Dozent für Kulturtheorie, nach Motiven von de Sade und Pasolini einen Theaterabend gebaut, in dem er Fragen stellt zur Würde des Lebens, zu sogenannter Normalität, zu Macht und Voyeurismus.

Aus der Komfortzone geholt

Bürgerkriegsverbrechen, Massenmord, Kinderschändung: Rau hat sich schon an schwierigste Themen gewagt. Was er in seiner ersten Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus verhandelt, bezieht seine Dringlichkeit wesentlich daraus, dass – neben Robert Hunger-Bühler, Dagna Litzenberger Vinet, Michael Neuenschwander und Matthias Neukirch vom Schauspielhaus – Behinderte vom Theater Hora prominent mitwirken. Und wer nun begreiflicherweise befürchten sollte, es würden gerade bei so einem heiklen Sujet Menschen mit geistiger Beeinträchtigung instrumentalisierend vorgeführt, sei beruhigt: Die Begeisterung der „Hora“-Leute beim Tun auf der Bühne und die Spontaneität ihrer schauspielerischen Entäußerung besiegen weitestgehend auch Restskrupel.

Als Zuschauer wird man aus der Komfortzone herausgeholt wenn zum Beispiel die daueraktive Live-Filmkamera in der Schiffbau-Box blanke Hintern von Menschen mit Down-Syndrom abfilmt oder ein (aufgepflästerter) Bauch angeschnitten und daraus ein „Fötus“ gezerrt wird. Motivisch gerahmt wird der unter anderem mit Interviews angereicherte Abend in einem Bühnenbild von Anton Lukas mit kleiner Guckkastenbühne zur Linken und Langtisch zur Rechten von je einer Abendmahls- und Kreuzigungsszene aus einem früheren Pasolini-Film.

Zu Offenbarungen reicht es durchaus nicht immer. Aber es gibt Szenen, die unter die Haut gehen. Und groß wird der Abend, wo er sich für die Würde in die Bresche schlägt; dafür, dass das Leben, sei der Mensch nun behindert oder nicht, geboren oder noch im Mutterleib, schützenswert sei. Milo Rau verlangt uns ja auch eine Antwort ab auf die Frage, ob denn nicht das Totspritzen von Föten mit diagnostizierter „Trisomie 21“ eine (undeklarierte) Verlängerung des Euthanasieprogramms der Nazis sei.

Nächste Vorstellungen am 14., 20., 22., 25. Februar. Zu weiteren Daten: www.schauspielhaus.ch. Dauer: ca. zwei Stunden

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