VN-Autorenbeitrag. Hans Platzgumer (47) zu Marbod Fritsch. (Platzgumer kam mit „Am Rand“ gerade auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis)

Supernovas sind um mich herum, Kugelschreiberriesen

Ein paar Wochen vor Marbod Fritschs aktueller Ausstellung stand ich in seinem Bregenzer Atelier und begriff: Mit feinen und mit groben Strichen eines Kugelschreibers, teils penibel konstruiert, teils den Eingriff des Zufalls bereitwillig annehmend, hat hier ein Künstler zu einer virtuosen und zugleich unprätentiösen Vollendung seines ästhetischen Ausdrucks gefunden. Die Bilder, die er mir zeigte, waren organische Konstrukte, die die Natur künstlerisch reflektierten und mein Verständnis von der Welt beflügelten. Kaum hatte ich Marbods Bilder gesehen, erkannte ich ihre Strichkompositionen bald in jeder beliebigen Blüte am Straßenrand wieder, in jeder Wolke, in jeder Dunkelheit und jedem Lichtfluss, auf den ich den Blick richtete. Abbild der Sonnen und der Meerestiefen wurden sie mir, finstere Schluchten und lichtdurchflutete Bergplateaus, symmetrisch und asymmetrisch zugleich, geometrisch und antigeometrisch wie alle Materie. Ich war hineingezogen in eine Parallelwelt, die der herkömmlichen Welt gerade so weit ähnelte, dass es mir, Teil einer einfältigen Spezies, gestattet war, ihre Gestaltenpracht zumindest rudimentär zu verstehen. Fortan wusste ich, dass diese Ersatzwelt existiert, die ich hatte schauen dürfen.

Dem Modell eines Multiversums vergleichbar, ist ein solches Wissen gerade heute, wenn die Welt, wie wir sie kennen, an allen Ecken zerbröckelt, ein überaus tröstlicher Gedanke. Marbod Fritsch hat mit seinen Zeichnungen neu erschaffen, was für die Romantik das Sinnbild der Blauen Blume war. Strahlende Blaue Blumen sind seine in matten verblichenen Farben gehaltenen Bilder. Sie weisen den Weg hinaus ins Unbekannte, zur Projektionsfläche werden sie, zu Sehnsuchtsorten. Bei allem Wissen, das uns Menschen bis dahin gebracht hat, wo wir uns heute befinden, ist ja weiter das Unwissen die konstruktivste Kraft, die uns vorantreibt. Im Gegensatz zur Habgier, unserem größten Widersacher, kann das offenherzige Unwissen wahrhafte und eben auch fiktive Räume erschaffen, in denen wir Zuflucht finden. Marbods Zeichnungen öffnen solche Zufluchtsorte. Sie trösten, indem sie eine Parallelität behaupten, in der die Komplexität der Wirklichkeit nicht ein Problem, sondern vielmehr einen Hoffnungsschimmer darstellt. Für mich zumindest verhält es sich so: Die schmutzige Reinheit dieser Bilder vermag es, den Weltschmerz zu lindern, der mich beizeiten und in scheint’s immer knapperen Abständen überkommt. Sie schlagen ein Wurmloch, das vom harten Boden, auf dem wir stehen, hin zu einer weniger gegenständlichen Alternative unserer Weltkonzeption führt.

Stehen wir vor einer Zeichnung Marbod Fritschs, stehen wir vor einem Loch in der Zeit. Weder Vergangenheit noch Zukunft noch Gegenwart liegen vor uns, sondern alles zugleich. Alles nimmt vor dem staunenden Auge eine Tiefe ein, die weder zwei- noch dreidimensional ist, sondern rein das bisherige Raumverständnis verschluckt. Diese Zeichnungen sind so tief und so flach, wie weit wir es vermögen, in sie einzudringen, und so alt und so jung, wie wir es ihnen erlauben zu sein. Eine von den Dimensionen befreite Schönheit tragen sie in sich, und doch ist es keine objektive. Schließlich wussten schon die antiken griechischen Philosophen, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt, allen voran Platon, der als gebildeter Ästhet eine wahre Schönheit nur geometrischen Formen zusprach, da aller Wildwuchs, alles natürlich Wuchernde deren Reinheit zerstörte. Wie hätte Platon wohl reagiert, wäre er vor einer Zeichnung Marbod Fritschs gestanden? Hätte er die geometrischen, in sich ausbalancierten Grundlagen dieser Werke erkannt, oder wären sie in seinen Augen bis zur Unkenntlichkeit aus allen Ufern gelaufen? Ich persönlich beharre darauf, dass jedes Kunstwerk einer jeden Kunstgattung nur durch einen bestimmten Anteil an Unperfektem und Unreinem auf ein wahrlich hohes Niveau gehievt werden kann. Nur der wohldosierte Fehler bringt die Einzigartigkeit in ihm hervor. Schließlich sind wir, auch wenn wir uns schon ein gutes Stück von Platon entfernt haben, immer noch Menschen, und so wie wir uns tagtäglich mit unserer Unperfektheit abfinden müssen, so erkennen wir auch nur in ihr eine Wahrhaftigkeit, die uns zu ergreifen und auszuhebeln vermag. Nur in ihr liegt die wahre Kraft der Kunst. Durch kleine oder größere Unperfektheiten entsteht etwas, das wir wohl nicht begreifen oder beschreiben können, das uns aber umso mehr in seinen Bann zieht. Unweigerlich fallen unser Blick und unser Empfinden in die Löcher zwischen der Schönheit und lassen diese umso heller erstrahlen. Erst über derartige Unorte inmitten der Leinwand, diese Makel in der Makellosigkeit, kann ein Gebilde, wie es über Marbods Abstraktionen vor uns entsteht, zu sich und zu uns kommen. Für jedes neue Auge, das auf es gerichtet wird, erfindet es seine Form aufs Neue. Nicht ein Bild hängt vor den Betrachtenden, sondern vor jedem Einzelnen sein Bild. Wie in der Quantenmechanik Atome, die unserem starren Verständnis von Raum und Zeit entschlüpfen, erst dadurch lokalisiert werden, dass wir den mikroskopischen Blick auf sie richten, so verhält es sich mit Marbods Zeichnungen. Sie entstehen erst durch unsere Betrachtung. Der Künstler hat Raum, Zeit, Formen aufgelöst, nun darf, muss, will es der Betrachtende nach eigenen Maßstäben zusammensetzen. Mit Abertausenden Linien, mit den dünnsten, billigsten Kugelschreibern auf die Leinwand aufgetragen, hat Marbod diese perspektivischen Bildwelten erschaffen, nun zieht er deren Betrachter hinein in die Zeitfalle. Den Sirenen gleich verführt er, der Entführer, der er sich eines rasch einstellenden Stockholm-Syndroms mit uns Entführten sicher sein kann. In der Folge führt er uns immer tiefer hinein in einen Ort, aus dem es kein Entkommen gibt.

 

Wie nur benennen wir diesen Ort, diesen Tatort, an dem sich die Geiselhaft abspielt?

„Wie betitelst du deine Werke?“, frage ich Marbod, als ich in seinem Atelier neben ihm und vor einer seiner Zeichnungen stehe. Ich weiß, dass es nur eine vernünftige Antwort geben kann, nämlich keine. Ein Verbrecher, ein Dieb müsste sein, wer diesen Ort benennt, den der Künstler erschaffen hat, ein Narr, wer ihm einen Namen gibt und wagt, die Gestalt für sich zu behaupten, deren sich der Künstler in jahrelanger Arbeit entledigt hat. Marbods Bilder sind namenlose Flächen, gebogen, gedehnt, verzerrt, mancherorts intakt geblieben, andernorts in ein Innen gehöhlt, Leinwandrutschen sind sie, die in etwas hineinführen, das vielleicht ein Loch ist, vielleicht eine Ansammlung von etwas, eine Kreuzung von Strichen, Wegen, Bahnen, Farben, vielleicht eine Schleuse, ein Übergang, Übertritt, Überfall. Sie überfallen unsere Sinne, stürzen sich darauf, mit mathematischer Genauigkeit leiten sie in die Ungenauigkeit, die Kugelschreiberstreichungen, die mit Lineal auf die Leinwand gezogen sind. Sie sind die Architektur von Räumen, welche sich auflösen, sobald sie erschaffen sind.

„Zeichnungen?“ Ich wage eine zweite Frage. „Sind es nicht eher Aquarelle?“

Nun überzieht ein verschmitztes Lächeln Marbods Gesicht. Es ist der Ausdruck einer Selbstironie. Aquarelle – etwas Uncooleres gibt es vielleicht nicht. Marbod versteht mein Anraten aber nicht als Beleidigung, sondern als Freibrief, als Freiheitsbestätigung. Er will nicht nur Formen erschaffen, die frei von Vorbelastungen sind, er will auch mir und sich selbst gestatten, in weitestgehend ungehemmter Freiheit zu reagieren. Er hat in seinen Bildern Universen erschaffen, Urknalle aus Strichen, Raster des Fremden. Nun lädt er mich ein, diese Gewüchse zu erforschen, ohne mich dabei einzugrenzen. Leicht krumm, vielleicht noch kauziger als ich selbst es bin, steht er neben mir und lächelt verschmitzt. Und ich stehe immer aufrechter, immer weiter zur Decke hin gezogen in seinem Atelier wie in einem Observatorium. Supernovas sind um mich herum, Kugelschreiberriesen, Kugelschreiberzwerge, Schwarze Löcher und Tintengalaxien, Dispersionsstraßen und Lacklösernebel. Marbod Fritschs Kunst ist die Ästhetisierung der Chaostheorie: Jede Ordnung ist vergänglich, und das Chaos ist die Regel, nicht die Ausnahme.

 

Dass dem so ist, beweist der Produktionslauf dieser Bilder, wie ihn Marbod mir erklärt.

Zuerst ist die reine weiße Leinwand, die Leere, auf der sich bald das Drama entwickeln wird. In diese Bühne hinein beginnt der schmunzelnde Schöpfer in langwieriger Arbeit ein Koordinatensystem zu setzen und so den gedachten Raum zu etablieren, wie Physiker es tun, um den Ort eines Körpers festlegen zu können. Doch während Wissenschaftler an dieser Stelle den Begriff der Zeit heranziehen, um die Geschehnisse im Raum messen zu können, entzieht sich Marbod sogleich der Berechenbarkeit ebenjenes. Sobald er sich eine Vorstellung von der Okkupation des Raums gemacht hat, gibt er den Weg frei für die Unplanbarkeit der natürlichen Evolution. Damit gibt er sich dem verheerenden Scheitern preis, das in jeder ergebnisoffenen Hinwendung an Kunst steckt, aber ebenso ermöglicht er die Wege der Intuition, dieses Restbestands Natürlichkeit, der in unterschiedlichen Dosierungen im menschlichen Geist nach wie vor vorhanden ist. Mit Kugelschreiber, Dispersionsfarbe und Lacklöser bearbeitet Marbod die Leinwand. Er folgt nun dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und drängt unweigerlich – es ist die natürlichste Sache der Welt – von der Ordnung in die Unordnung. Bald ist der einst penibel errichtete Raster in die Unkenntlichkeit verzerrt und erleidet das Schicksal eines jeden funktionierenden künstlerischen Konzepts: Er war als Ausgangspunkt eine Notwendigkeit, muss nach und nach aber über Bord geworfen werden. Bald herrschen andere Gesetze in Marbods Zeichnungen, jene der Unordnung und des Zufalls. Nun verrinnt die Farbe in unkalkulierbarer Weise, nun saugt das Papier an jener Stelle zu viel, an anderer zu wenig von ihr auf, nun dringt der zwanzigste Kugelschreiber, der der wochenlangen Entstehung des Bildes dienen muss, zu tief oder zu wenig tief in die Oberfläche ein, veritable Löcher entstehen, Risse, Unförmigkeiten. Der sprichwörtliche Flügelschlag eines Schmetterlings kann das Werk in die eine oder andere Richtung kippen lassen, bis es irgendwann entweder im Mülleimer landet, wieder und wieder überpinselt wird oder bis im Idealfall vor den Augen des weiterhin schmunzelnden oder bereits verzweifelnden Künstlers ein Gebilde entsteht, das seinem Empfinden genügt oder gar die Erwartungen übersteigt. Dann steht er vor vollendetem Werk und ist mit sich und ihm im Reinen. Er weiß: Hier ist nicht weiter Hand anzulegen, ein Frevel wäre es, dies zu tun.

Mit diesem Moment befreit sich der Künstler von seinem Werk. Es hat nun über uns Betrachter seinen eigenen Weg zu gehen. Und auf diesem trägt es neben dem reinen Ästhetizismus, der in ihm steckt, auch eine politische Funktion in sich, der es zu dienen hat: Es beflügelt unsere Fantasie. In den ächzenden Zügen des Spätkapitalismus, der dabei ist, uns und all unsere Vorstellungskräfte aufzufressen und all die großartigen Hoffnungen, die wir einst in eine bessere Zukunft legten, aus unseren Köpfen zu fressen, in diesen grauen, von Pragmatismus und Verdrossenheit gezeichneten Zeiten gibt es ja nichts Wichtigeres als Fenster, die uns den fantasievollen und gerne auch träumenden Ausblick in anders funktionierende Welten ermöglichen und zu neuem Denken stimulieren, anstatt fortweg zu desillusionieren, Fenster, die uns einladen, neue, unbekannte Wege auszuprobieren, anstatt diese als Hirngespinste abzutun. Genau solche Fenster bietet uns Marbod Fritsch mit seinen Zeichnungen. Er lädt uns ein, die Fremde zu schauen, Neues zu sehen. Und das ist, was wir heute mehr denn je zu sehen versuchen müssen: Neues, Anderes, Unbekanntes. Nehmen wir seine Einladung an. Öffnen wir die Fenster.

Die Ausstellung ist bis
4. September in der Galerie allerArt
in Bludenz (Remise) geöffnet,
Mi bis So, 17 bis 20 Uhr.

Zur Person

Hans Platzgumer

Tätigkeit: Schriftsteller, Musiker

Geboren: 1969 in Innsbruck

Wohnort: Lochau

Veröffentlichungen: Dutzende Alben, Theatermusiken, Opern, Filmmusik, sechs Bücher, darunter „Trans-Maghreb“, „Korridorwelt“, „Am Rand“

Auszeichnungen: u. a. Grammy-Nominierung. Goldene Schallplatte

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