An Bühnen der Region. Das Musical „Don Camillo & Peppone“ wurde in St. Gallen uraufgeführt und kommt später nach Wien

Toller Sound, der die Ecken und Kanten nicht aufweicht

von Christa Dietrich
Das Musical „Don Camillo & Peppone“ wurde am Samstagabend in St. Gallen uraufgeführt.
Das Musical „Don Camillo & Peppone“ wurde am Samstagabend in St. Gallen uraufgeführt.

Das neue Musical „Don Camillo & Peppone“ hat durchaus das Zeug zum Longplayer.

St. Gallen. Die revueartige Titelmelodie bleibt freilich im Ohr, ansonsten kommt man im Laufe des Abends zum Schluss, dass es der bekannte Musicalmacher Michael Kunze und der Komponist Dario Farina, der Schnulzen wie „Felicità“, aber auch die Filmmusik zu „Monaco Franze“ oder „Rossini“ geschrieben hat, nicht einfach darauf angelegt haben, ihre neue Produktion mit einigen Hits zum Kassenschlager zu machen. Was hier zählt, ist die Geschichte, beide Figuren, sowohl Don Camillo als auch Peppone, haben (auch fragwürdige) Ecken und Kanten, der eingängige Sound, den ein Musical braucht, darf kein allzu starker Weichzeichner sein, und er ist es auch nicht. Das dramaturgische Konzept ist ein weiterer Verhinderer solcher ungünstiger Mechanismen, und zudem setzt Regisseur Andreas Gergen auf eine Figurenzeichnung mit berührenden, witzigen, überraschenden und auch ironischen Elementen. Nach knapp drei Stunden entschloss sich das Uraufführungspublikum im St. Galler Theater zu uneingeschränktem Jubel. Im Herbst dieses Jahres kommt das Musical „Don Camillo & Peppone“ ins Ronacher zum Koproduktionspartner, den Vereinigten Bühnen Wien.

Was für eine gute Idee

Dass die unterhaltende Vertonung der Auseinandersetzung zwischen einem katholischen Pfarrer und einem kommunistischen Bürgermeister im Nachkriegsitalien keine Idee ist, die auf jeden Fall zündet, hat zu einer mehrjährigen Produktionszeit geführt. Rasch dürfte klar gewesen sein, dass die Motive aus den Erzählungen von Giovannino Guareschi nur funktionieren, wenn man sie in der Zeit belässt. Um einen Bogen ins Heute zu konstruieren, wurde eine ältere Dame eingesetzt, die auf die erste große Verliebtheit zurückblickt. Als Unternehmertochter war dieser Gina die Verbindung zum Arbeitersohn Mariolino verboten. Die titelgebenden Kontrahenten erhalten im zentralen Paar somit eine Verdoppelung. Der katholischen Kirche wird die Nähe zum Kapital und zu den Faschisten angekreidet, der Bürgermeisterkandidat ruft zum Klassenkampf und hat das darbende Volk auf seiner Seite. Dass Don Camillo und Peppone zuvor einmal gemeinsam gegen die Duce-Diktatur kämpften, klingt durch, nun haben sie die Aufgabe, demokratische Prinzipien und Toleranz vorzuleben. Don Camillo wird von Jesus in Zaum gehalten, der auch hier die gütige Stimme erhebt und Peppone mäßigt – was für eine gute Idee! – auch eine nicht nur adrette, sondern zudem kluge und vernünftige Lehrerin. Die peinlichen Geschlechterbilder der Filme der 50er-Jahre sind damit aufgehoben.

Camillo und Peppone befetzen und versöhnen sich, und selbstverständlich achtet man als Zuschauer darauf, ob der Geist des wunderbaren Fernandel nicht irgendwie hereinwebt. Andreas Lichtenberger findet mit souveräner Stimme großartige Möglichkeiten, derlei Erwartungen zu erfüllen und dennoch er selbst zu bleiben. Eine steile Vorgabe für Frank Winkels als Peppone, aber auch er entspricht einer sorgsamen und hochgradigen Besetzung, die Maya Hakvoort als alte Gina anführt. Erleichtert und temperamentvoll richtet sie sich beim tosenden Schlussapplaus auf. Gebrechlichkeit locker anzudeuten, zählt zu den Feinheiten einer Inszenierung, die auf dieser Piazza, über der das von Robert Paul geleitete Orchester sitzt, und die sich rasch in den Kircheninnenraum oder ins Rathaus verwandelt, begeisternd rund läuft. Sie lässt nie zu viel Idylle oder zu viel Kampf zu und enthält zudem ein qualitätsvolles Tierpuppenspiel, das wie ein leises Augenzwinkern wirkt.

Nächste Aufführung am 7. Mai im Theater St. Gallen und zahlreiche weitere. Ab Herbst ist die Produktion in Wien.

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