Zaren-Fake und Lenin kriegt eins auf die Rübe

von Christa Dietrich
Die Premiere von „Demetrius“ von Friedrich Schiller und „Zeit der Wirren“ von David Frühauf fand gestern Abend am Landestheater statt.
Die Premiere von „Demetrius“ von Friedrich Schiller und „Zeit der Wirren“ von David Frühauf fand gestern Abend am Landestheater statt.

Mit Schiller und einem jungen Österreicher hat es das Landestheater krachen lassen.

Bregenz. Dass dem Publikum in Vorarlberg Frank Castorf, der fast schon legendäre Leiter der Berliner Volksbühne, nicht geläufig ist, davon sollte man nicht ausgehen, war der letzte Bayreuther „Ring“-Inszenierer doch auch oft schon am Schauspielhaus Zürich zugegen. Und überhaupt, Berlin ist nicht aus der Welt. Deshalb wurde am gestrigen Abend im Bregenzer Kornmarkttheater bei der Premiere von Schillers Dramenfragment „Demetrius“ aus dem Jahr 1857 und der ihm angekoppelten Uraufführung „Zeit der Wirren“ des jungen Oberösterreichers David Frühauf rasch klar, welcher Theaterästhetik Regisseur Steffen Jäger gefolgt ist. Manierismus ist schließlich nicht nur in der bildenden Kunst ein anerkanntes Genre, im Darstellerischen eröffnen sich noch weit mehr Möglichkeiten. Er schöpft sie zwar nicht aus, wendet sie aber so weit konsequent an, dass die Geschichte jenes Demetrius, der einst Anspruch auf den Zarenthron erhob und zu spät erfuhr, dass er Opfer einer Polit-Intrige wurde, als kompaktes Bild erscheint.

Bühnenbildnerin Sabine Freude hat auf Rindenmulch gebettet, was ihr Jäger mit seinem Ensemble da an Machttrunkenheit, Verblendung und Dummheit liefert. Die Überhöhungen mit Ritterrüstung und Rockstar-Gehabe mag man als auflockernde Momente goutieren, der Sexismus, den Jäger mit der Kostümbildnerin Aleksandra Kica einstreut, der geht subtiler, wenn das Publikum nicht wegdriften soll.

Weltrettungsversuch

Den Fall des Demetrius hat Schiller nicht mehr behandelt. David Frühauf, der vom Landestheater mit einer Fortschreibung beauftragt wurde, ist er ebenso wurscht. Recht hat er. Was der Schriftsteller liefert, der bislang kaum in Erscheinung getreten ist, ist eine Groteske, ein nicht zwingendes, aber durchaus lustvoll ausgearbeitetes Sprachspiel, ein Spiel der Rechtfertigung, in dem sich eine Gruppe von Menschen irgendwie darauf einigt, dass es einen Anführer braucht, obwohl selbiger abhanden gekommen ist. Man übt sich im Scheinen und Wollen (nicht im Denken), während über den Köpfen auf der Leinwand kein Zar, sondern Lenin und andere Sowjet-Größen bzw. Diktatoren auftauchen. Oben vermengen sich historische Aufnahmen mit Dada und Comics, und nach unten regnet es Spielbälle. Mit der „Wind of Change“-Ballade beginnt dieser Weltrettungsversuchs-Witz allerdings sehr simpel, gerettet hat ihn dann Helga Pedross, die dem Mechanismus der Live-Video-Aufnahmen so gut entspricht, dass weite Teile des Frühauf-Textes doch noch zum Tragen kommen. Anerkennender Applaus.

Die nächste Aufführung der beiden Stücke findet am 3. Mai im Theater am Kornmarkt in Bregenz statt. Dauer: 2,5 Stunden

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