Wenn aus „Scary Movie“ Ernst wird

von Christa Dietrich
Yannick Zürcher spielt die Hauptrolle.
Yannick Zürcher spielt die Hauptrolle.

„Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ läuft auf der Jugendschiene des Landestheaters.

Bregenz. Bei der Generalprobe und der Vorpremiere waren zuerst die Lehrer und dann die Schüler Testzuschauer, die das Stück „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ von Janne Teller sehr gut aufnahmen. Heute Vormittag wird es erstmals vor allgemeinem Publikum am Bregenzer Kornmarkt gespielt, bevor das Vorarlberger Landestheater mit der Produktion dann in jene Schulen geht, in die man es holt. Für Oberstufen wird der Text empfohlen, viel mehr wollten die anwesenden Pädagogen auch gar nicht wissen. Wer den bereits vor einigen Jahren erschienenen Prosatext der dänischen Autorin kennt, der nahm ohnehin wahr, dass das Produktionsteam um den unter anderem am Volkstheater, an der Josefstadt und bei Dschungel Wien arbeitenden Regisseur Holger Schober, den vorwiegend in Deutschland tätigen Dramaturgen Ludwig zur Hörst und die Vorarlberger Theaterpädagogin Nina Fritsch bei der Überarbeitung der Vorlage für die Bühne nichts Wesentliches verändert hat. Lediglich das Land, in dem Krieg ist, nämlich Deutschland, wurde in der österreichischen Produktion mit Begriffen wie hier oder Heimat ersetzt.

Ein Appell?

Die Beweggründe für die Aufnahme des Stücks in den Spielplan liegen auf der Hand. Die deutsche Übersetzung des dünnen Bändchens „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ stieß auf große Aufmerksamkeit, die Bearbeitung für die Bühne haben bereits zahlreiche deutsche Häuser im Programm. Janne Teller, die etwa mit ihrem Werk „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ einen regelrechten Pädagogenstreit entfachte, schafft hier einen Perspektivenwechsel: Nicht Deutschland ist Zufluchtsort, nein, in Deutschland sind antidemokratische Bewegungen so weit aktiv geworden, dass zuerst Diktatur herrschte und nun Krieg ist. Deutsche und weitere Europäer flüchten nach Afrika und in arabische Länder.

Ein Appell für humanes Handeln? Vorbehaltlos kann man dem nicht zustimmen. Teller schafft mit dem zu Beginn 14-jährigen Burschen, der Krieg, Tod und Flucht erlebt und schließlich mit der Abwehrhaltung in den Ländern konfrontiert ist, in denen die Familie Schutz sucht, zwar eine Identifikationsfigur, die Konstruktion ist allerdings nicht frei von Klischees oder Vorurteilen. Denn letztendlich sind es ja die Ägypter, die etwa das Prinzip der partnerschaftlichen Ehe noch nicht kennen und den Asylanten sowieso mit großer Skepsis begegnen.

Keine Agitation

Solche Stolpersteine in dem gut gemeinten Text, der auch aufgrund der Tatsache interessant ist, dass er in einer Zeit erschienen ist, als das Thema Flüchtlinge bei uns noch nicht täglich in den Schlagzeilen war, gilt es zu beachten. Die Regie tut das Beste, was man tun kann, sie legt den Fokus auf das Ausgeliefertsein, auf die Hilflosigkeit des Einzelnen. Mit der Gasmaske über dem Gesicht stürmt der Schweizer Yannick Zürcher auf die Bühne (bzw. auf das in den Klassenzimmern zur Verfügung stehende Podium), Atemlaute sind hörbar, da ist ein Mensch in Bedrängnis. Nach und nach erfährt das Publikum seine Geschichte, immer wieder versucht er, aus seiner Situation auszubrechen, greift zur Handorgel, spielt Volksweisen an. „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“, wird beim Vorarlberger Landestheater nicht zum großen Politstück aufgebauscht, es konfrontiert mit Leid, Angst, Sehnsucht, auch Hoffnung. Zürcher spielt die Palette gut durch, spricht seine Zuhörer mitunter direkt an. Man vermeidet Agitation, bleibt im Bereich der Kunst. Ob man mit dem Erdkugelluftballon spielen muss, um auf Chaplins „Great Dictator“ bzw. auf eine der schönsten Szenen der Filmgeschichte zu verweisen, sei dahingestellt, die Spur von Horror einzubringen, die eine Gasmaske nach sich zieht, die an die „Scary Movie“-Outfits erinnert, hat etwas. Das Thema ist ein ernstes, aber letztlich wird hier ambitioniert Theater gespielt. Es werden nicht Antworten geliefert, es wird zur Diskussion aufgefordert.

Aufführungen im Kleinen Haus am Bregenzer Kornmarkt am 10. Februar, 10 Uhr, am 23. Februar und 2. März, 18.30 Uhr: www.landestheater.org

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