Lesbar. Empfehlungen von Martin G. Wanko

Der Leser gewinnt auf alle Fälle

Ob beim Fußball oder am Spieltisch: Zwei Autoren machen sich über das Siegen Gedanken.

Romane. Fußballliteratur ist ein zweischneidiges Schwert. Zumeist werden diverse Bücher angelehnt an Welt- oder Europameisterschaften veröffentlicht. Sie verschwinden sehr oft auch wieder nach dem Ereignis vom Ladentisch. Unerwartete Fußballliteratur ist hingegen ein Genuss, und es macht Spaß, etwas mehr über den Breitensport zu wissen, als dass 22 Spieler 90 Minuten einem Ball nachlaufen. Ein Garant dafür ist Christoph Biermann, der mit seinem Erzählband „Wenn wir vom Fußball träumen“ eigentlich alles einlöst, was man sich als Leser erhofft.

Geschichten aus dem Revier

Christoph Biermann kommt aus dem Ruhrpott, zog aus, um die Welt zu erobern, doch der Tod seines Vaters brachte ihn wieder zurück in die Heimat, genauer zu Westfalia Herne. Heute ein Unterligaverein, spielte Westfalia jedoch in den 1960er-Jahren um die deutsche Meisterschaft mit. Für Biermann war es die Eintrittskarte in die Welt des Fußballs und in die Welt der Gefühle. In kleinen Geschichten erzählt er nun über große und nicht mehr ganz so große Vereine, aber auch wie sich „das Revier“ in den letzten 50 Jahren parallel zum Fußball veränderte.

Biermann seziert also die Seele des deutschen Fußballs, hervor kommt einer, der jenseits von fußballerischer Großmannssucht äußerst sensibel sein kann. Auch macht der Autor verständlich, wie Fußball vom ruppigen Sport der Arbeiterklasse zu einem Nobelsport werden konnte, natürlich auch auf Kosten einer gewissen Spontanität und Durchtriebenheit. Trotzdem: Die Vereine müssen ihre Storys nach wie vor auf dem Rasen schreiben, damit die Fans noch etwas über Heldentaten oder Niederlagen zu berichten haben. Ob Fußball und Literatur wirklich zusammenfinden, bleibt abzuwarten, denn bei Biermanns Lesung auf der Frankfurter Buchmesse fanden sich weniger Besucher ein als eine Mannschaft Spieler hat.

Ein amerikanischer Albtraum

Um ein anderes Spiel geht es in Stewart O’Nans Roman „Die Chance“, nämlich um Roulette. Marion und Art Fowler unternehmen eine Reise zu den Niagarafällen, wo sie sich vor 30 Jahren die ewige Liebe versprachen. Doch die Vorzeichen sind nun andere: Ihre Firma ging bankrott, das Haus können sie sich nicht mehr leisten und die Beziehung steht kurz vor dem Ende. Sie haben nur noch eine Chance: Die Spielbank zu knacken und ihr Leben neu aufzustellen. Stewart O’Nan ist ein Meister der Beschreibung auswegloser Situationen. Es ist eine Art stille Brutalität. Neu ist jedoch, dass der Autor das Prinzip Hoffnung wirken lässt: Die unabdingbare Talfahrt ihrer Beziehung erlebt überraschende Wendungen. O’Nan bleibt ein unbeirrbarer Kritiker des amerikanischen Traums, ohne ihn beim Namen zu nennen. Wie ein Gespenst begleitet er den Roman, unterstützt durch lebensnahe Dialoge und interessante Beobachtungen.

Christoph Biermann
Wenn wir vom Fußball träumen
KIWI 
252 Seiten
Christoph Biermann Wenn wir vom Fußball träumen KIWI 252 Seiten
Stewart O’Nan
Die Chance
Rowohlt 
221 Seiten
Stewart O’Nan Die Chance Rowohlt 221 Seiten
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