Der aufklärerische Wert

Rezensentin Susanne Alge mit der Autorin Marica Bodrožic.  Foto: Riemann
Rezensentin Susanne Alge mit der Autorin Marica Bodrožic. Foto: Riemann

Marica Bodrožic unternimmt eine Reise zu den Menschen, die sie prägten.

Roman. (VN-salg) Marica Bodrožić, 1973 in Dalmatien geboren, 1983 nach Hessen übersiedelt, geht in diesem Buch ihrer Lebensgeschichte nach. Ihre Reise führt weit in die Geschichte zurück und zeigt deren abstoßende Folgen in der Gegenwart. Rassistische Wandschmierereien zum Beispiel:
„Der Sommer ist da, uns dürstet es nach Braten, das wird eine schöne Leckerei, wir grillen uns Kroaten.“
Die Autorin fragt sich, wie ein menschliches Gehirn einen solchen Satz erfinden konnte, und ihr fällt kurz darauf das schreckliche Wort „Serbenschneider“ ein, das kroatische Wächter für das Messer prägten, das sie an ihre Hand banden, um den im Lager Jasenovac Eingekerkerten, meist Serben und Juden, die Kehlen durchzuschneiden.
Der grässliche Satz, das blutrünstige Wort – sie beide konnten nur absoluter geistiger Armut oder mörderischer Unbewusstheit entspringen, die einen feindlichen Ersatz für das Unbehagen vor dem eigenen Ich nährten, meint Bodrožić. Wenn wenige Jahre nach der jugoslawischen Tragödie ein deutscher Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache 2012 behauptete, in Europa herrsche seit über sechzig Jahren Frieden, frage sie sich: Wo liegt Sarajevo? Wo Srebrenica? Dubrovnik? Und Belgrad. Wo liegt Belgrad?

Präzise geknüpft

Weiter: „Konnte man Sarajevo sich selbst überlassen und Belgrad bombardieren, weil sie unbewusst eben doch nicht zu Europa gezählt wurden?“ Offenbar ja, genau wie aus demselben Kreis westlicher Politiker einige Jahre danach ein Minister plötzlich behaupten konnte, Deutschlands Sicherheit müsse am Hindukusch verteidigt werden.
Ob der Überheblichkeit, mit der dermaßen dreiste Lügen verbreitet werden, wird die Ohnmacht der Literatur, von der der kürzlich verstorbene Siegfried Lenz sprach, auf bedrückende Weise klar und dennoch wird der aufklärerische Wert so präzise verknüpfter Geschichten aus Geschichte und Gegenwart nie geschmälert werden.
Die Fragen und Antworten wie auch die Erlebnisse der Autorin mögen bedrückend sein, doch im Werk finden sich viele wunderbare, dem Leben zugewandte Szenen voller Humor, in fein ziselierter poetischer Sprache. Wer sich auf solch eine reiche, gegensätzliche Gefühlswelt einlassen kann, den wird dieses Buch packen!

Marica Bodrožic: „Mein weißer Frieden“, Verlag Luchterhand 2014, 334 Seiten

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