Zwischen Tradition und Fortschritt

von Fritz Jurmann
Elisabeth Leonskaja mit dem Sinfonieorchester Basel unter Dennis Russell Davies. Foto: JU  
Elisabeth Leonskaja mit dem Sinfonieorchester Basel unter Dennis Russell Davies. Foto: JU  

Die Reihe „Dornbirn Klassik“ startet engagiert in die neue Konzertsaison.

DORNBIRN. Beethoven zieht immer, ganz besonders bei „Dornbirn Klassik“. So war denn auch das Kulturhaus zum Start am Samstag etwas voller als bloß mit den 400 gebuchten Abos. Nicht zu vergessen die ungebrochene Anziehungskraft von Elisabeth Leonskaja, der noblen Grande Dame der russischen Klaviermusik, die auch mit 68 noch ein Top-Leistungsniveau aufweist. Der Orchesterpart lag beim Sinfonieorchester Basel in besten Händen, einem Traditionsorchester, dem der dynamische amerikanische Pultstar Dennis Russell Davies ordentlich Stoff gab. Wie überhaupt das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Fortschritt das unausgesprochene Motto dieses Abends ist, der mit einem Negativbeispiel beginnt. Eine frühbarocke, schlank besetzte Motette (1615) von Giovanni Gabrieli wirkt in einer bemühten Instrumentationsübung des Dirigenten Bruno Maderna (1920-1973) mit großem Orchester künstlich aufgebläht und seltsam fremd, auch wenn sie sauber musiziert wird. Das ist schöne Musik fürs Publikum, aber stilistisch ein Missgriff.

Akzentuierte Impulse

Beim folgenden zweiten Klavierkonzert von Beethoven, das in der Reihenfolge der Entstehung eigentlich sein erstes ist, reiben sich erneut zwei gegensätzliche Denkweisen aneinander. Hier die seit 1978 in Wien lebende, aber in tiefster russischer Seele traditionsbewusste Elisabeth Leonskaja; dort der aufmüpfige Geist des Dirigenten Davies, der sich zeitlebens für neue Musik stark gemacht hat. Passiert ist nichts, denn die beiden Profis haben sich vorab offensichtlich darauf verständigt, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. So entsteht dieser mozärtlich angehauchte Beethoven ausgewogen klassisch, ohne alle authentischen Modernismen, mit feinen Dialogen zwischen Solo und Orchester, in denen die Pianistin akzentuierte Impulse setzt. Im Adagio verströmt sie so viel Weichheit und Wärme, dass man versucht ist, von einer typisch weiblichen Interpretation zu sprechen. Sie trübt mit ihrer nicht ganz sauber gelungenen Zugabe, Schuberts Impromptu in as-Moll, ähnlich wie vor Jahren bei der Schubertiade, leider einen Teil dieses hervorragenden Eindrucks.

Ganz in seinem Element und tief verwurzelt mit seinem Orchester zeigt sich Dennis Russell Davies dann in der zweiten von drei Suiten, die Strawinsky 1919 aus seiner Ballettmusik „Der Feuervogel“ schuf. Fünf Jahre gemeinsamer Arbeit haben sich für den seit 2002 auch als Opernchef in Linz tätigen Maestro bezahlt gemacht. Das populäre Werk mit seiner bildreichen Sprache wird hier zum musikalischen Farbkasten, ein in wunderbarer Klangkultur emotional spannend ausgelotetes, virtuoses Orchesterporträt, das absoluten Respekt verlangt. Ein aufmunternder Start in die neue Konzertsaison für „Dornbirn Klassik“ .

Nächstes Konzert bei „Dornbirn Klassik“: 6. November, 19.30 Uhr – Lautten Compagney, Leitung Wolfgang Katschner.

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