Prozess um rassistische Morde auf der Bühne

Fotoprobe, Landestheater, "Ein Sommernachtstraum" von William Shakespeare
Fotoprobe, Landestheater, "Ein Sommernachtstraum" von William Shakespeare

Jelineks „Das schweigende Mädchen“ ist der bislang prominenteste Versuch, sich des Stoffes zu bemächtigen.

München. Zuerst gab es nur ein paar wenige, zaghafte Lacher. Aber nach und nach trauten sich die Zuschauer im Münchner Schauspielhaus. Und so wurde die heftig beklatschte Uraufführung des neuesten Stückes der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek zu einem unterhaltsamen Abend. Nur fragte man sich ein wenig bange: Darf man lachen, wenn auf der Bühne der Prozess um die so absurd-schreckliche Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) verhandelt wird? Sollte einem da das Lachen nicht im Halse stecken bleiben?

Es gab schon mehrere Versuche, die mörderischen Umtriebe des braunen Trios Mundlos/Böhnhardt/Zschäpe zu dramatisieren. Gleich nebenan im Residenztheater München, in Frankfurt, Karlsruhe und Köln gab es Uraufführungen. Doch Jelineks Stück „Das schweigende Mädchen“ um die im Prozess bislang so beredt schweigende Hauptangeklagte Beate Zschäpe ist der bislang prominenteste Versuch, sich des Stoffes zu bemächtigen.

Wirkungsvoll

Doch der Skandal blieb aus. Niemand verließ während der Vorstellung den Saal, wie es Regisseur Johan Simons befürchtet hatte. Er hatte den auf acht Rollen verteilten Text als eine Art szenische Lesung inszeniert und wirkungsvoll mit Musik angereichert. Auf der spärlich dekorierten Bühne fanden sich Versatzstücke aus einem von den Tätern ersonnenen perversen Gesellschaftsspiel, das sie „Pogromly“ getauft hatten, in Anlehnung an das bekannte „Monopoly“.

Jelinek hatte das Stück aus Zeugenaussagen sowie Medien- und Obduktionsberichten zusammenmontiert, durchsetzt mit ihren in absurde Wortspiele gekleideten Gedanken über die Umstände, die dazu führten, dass ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust wieder brutaler Terror von rechts gedeihen konnte. Dass man den NSU-Prozess, die Morde, die Ermittlungspannen als absurdes Theater sehen kann, dass man über all dem seinen Glauben verlieren kann, wenn man denn einen hatte – den Opfern und ihren Angehörigen bringt das wenig.

Wiebke Puls in „Das schweigende Mädchen“ von Jelinek. Foto: EPA
Wiebke Puls in „Das schweigende Mädchen“ von Jelinek. Foto: EPA
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.