Vergessen und Erinnern

Illustration von Eva Murggenthaler in Schubers „Der weiße und der schwarze Bär“. Foto: Verlag Hammer
Illustration von Eva Murggenthaler in Schubers „Der weiße und der schwarze Bär“. Foto: Verlag Hammer

„Nicht schwindelfrei“ von Jürg Schubiger handelt von großen Themen.

Roman. (VN-bs) Der Schweizer Autor Jürg Schubiger ist vielen durch seine Kinderbücher bekannt, etwa „Der weiße und der schwarze Bär“ (illustriert von Eva Muggenthaler) oder „Zwei, die sich lieben“ (unverwechselbar bebildert von Wolf Erlbruch). Seit Jahren schreibt Schubiger aber auch für Erwachsene, zuletzt meist schmälere (oder anders: meisterhaft pointierte) Romane, die sich vermehrt um die Themen Erinnerung und Vergessen drehen, dazu Liebesgeschichten. In „Haller und Helen“ erzählt Schubiger vom Leben im Altersheim, von Erinnerung an verstorbene Freunde und Partner, in „Die kleine Liebe“ geht es um die Möglichkeit einer Ordnung im Leben, um die Suche nach großer oder kleiner Liebe. In seinem neuen Roman „Nicht schwindelfrei“ fallen diese beiden großen Themen – Erinnerung und Liebe – zusammen und ergeben den Versuch eines geglückten Lebens. Paul, der früher Journalist war, scheint einen Unfall oder einen Zusammenbruch gehabt zu haben, jedenfalls fehlt ihm ein großer Teil seines Lebens, sein Gedächtnis funktioniert nicht mehr einwandfrei, erst langsam muss er sich seine Welt neu schaffen, sich selbst kennenlernen, sich in seinem neuen Leben einrichten. Wie ein Kleinkind beginnt er mit Stehen, Gehen, Greifen und natürlich Schauen. Er erfährt mit seinem Blick seine Umwelt, auch die Luft, die alles umgibt: „Dann die vielen Dinge. Besonders aber die Luft um die vielen Dinge herum. Man vergass sie leicht, weil sie unsichtbar war, alles in allem aber doch das Schönste, was man hier antraf, hier und irgendwo.“

Fast schwebend erzählt

Paul beschließt, nicht mehr zu vergessen. Am Anfang schreibt er sich Beobachtungen, einzelne Wörter noch auf, später lebt er ganz in seinem neuen Leben, in seiner neuen Betrachtung der Welt, die er sich auf langen Spaziergängen aneignet. Er nimmt ein bewundernswert einfaches Leben auf, eine stille Existenz, in der Begegnungen – denn letzten Endes geht es auch um die Möglichkeiten der Liebe – einfach passieren. Jürg Schubiger erzählt zurückhaltend, fast schwebend von einem kauzigen, liebenswerten Menschen, der erst durch und in der Krise ganz zu sich selbst findet, eine schöne, oft auch traurig-komische Erzählung, die man nicht leicht vergisst.

Jürg Schubiger: „Nicht schwindelfrei“, Roman, 112 Seiten. Haymon Verlag

Illustration von Eva Murggenthaler in Schubers „Der weiße und der schwarze Bär“. Foto: Verlag Hammer
Illustration von Eva Murggenthaler in Schubers „Der weiße und der schwarze Bär“. Foto: Verlag Hammer
   
   
   
   
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