Autorenbeitrag. Gabriele Bösch (50)

Eiernde Einsichten

Alle schwerwiegenden Veränderungen in meinem Leben fingen immer mit Eiern an.  Foto: dpa
Alle schwerwiegenden Veränderungen in meinem Leben fingen immer mit Eiern an. Foto: dpa

Wenn ich es genau bedenke, dann fingen alle schwerwiegenden Veränderungen in meinem Leben immer mit Eiern an. Damals, als meine Brüder auf die Welt kamen, jedes Jahr einer, und Mama im Krankenhaus war, hat Papa für uns jeweils eine Woche lang Spiegeleier gemacht. In meinem konditionierten Gehirn ist verankert: Achtung, auf Zwangsernährung durch Eier folgt schwerwiegende Konkurrenz.

Mit fünfundzwanzig saß ich an meinem Küchentisch und nähte, als mir ein unglaublicher Stich im Bauch meinen Atem nahm. Ich vergewisserte mich, dass sich die Nähnadel noch zwischen Daumen und Zeigefinger befand, dann begab ich mich in die Klinik. Eine Zyste am Eierstock war geplatzt, die via Bauchspiegelung verödet wurde.

Damals verfasste mein Gehirn einen Zusatz zu der bestehenden Konditionierung: Achtung, Bauchschmerzen, die sich wie Messerstiche anfühlen, gehen von den eigenen Eiern aus, du bist dir selbst Konkurrenz. Ein bisschen mulmig war mir damals schon, als ich mein erstes Söhnchen betrachtete, aber ich gebar dann doch noch vier Kinder.

Mit fünfunddreißig stellte ich fest, dass sich auf den Genuss von Weißwein oder hartgekochten Eiern in meinem Mund eine Art Batteriewirkung entfaltete. Als hätte ich Säure geschluckt, war da so ein gewisses Kribbeln und ich bildete mir ein, die Plomben würden heiß. Mein Zahnarzt lachte mich aus, ersetzte mir aber trotzdem gern das Amalgam durch Gold. Ich lernte: Der Genuss von Eiern ist durch Gold aufzuwiegen.

Damit sich diese Investition auch wirklich lohnte, schaffte ich mir fünf Hühner an, quasi für jedes Kind eines. Nun, fünf Hühner legen pro Tag fünf Eier – so viele Kuchen kann ich gar nicht mehr backen, zumal meine Kinder inzwischen dem Kindergarten- und Volksschulalter mit den üblichen Bazar-Geldeintreibeaktions-Veranstaltungen entwachsen sind. Zudem verweigerte ich in letzter Zeit beharrlich, für eine höhere Bildung auch noch Gebäck beizusteuern. So verringerte ich unseren Umsatz, indem ich immer öfter zu Essens­einladungen Eier mitbrachte oder sie zwischendurch verschenkte. Manchmal, ich gebe es zu, verkaufte ich sie auch. Mein Hirn lernte: Eier verpflichten.

Zwischendurch gelang es mir, alle Konditionierungen zu vergessen. Mit vierzig legte ich mir dann schließlich selbst ein Ei: Ich begann zu schreiben. Wie ich jetzt bemerke, weiß ich nie, in welchem Zustand sich besagtes Ei momentan befindet, ob es in einer Pfanne brutzelt wie eine zündende Idee, ob es in Wasser kocht (Vier Minuten! Wo soll ich den Text denn noch streichen?), oder ob ich es halbversehentlich vergraben habe wie eine chinesische Delikatesse, die in tausend Jahren dereinst unglaublichen Wert erhalten wird, oder ob ich es nicht einfach an übersehbarer Stelle vergaß und ich es viel später aufgrund und anhand seines Geruches werde aufspüren müssen (Da war doch einmal so etwas wie eine Roman­idee?!). Solange das Gehirn lebt, lernt es: Selbstgelegte Eier liegen mitunter in Steißlage und bedürfen eines radikalen Kaiserschnitts.

Heuer im Frühling kam ich nun auf die glorreiche Idee, in einen kleinen Kochstreik zu treten. Zu viele Frauen kochen, zu viele Männer tun es nicht – ich wollte gleichberechtigt sein. Das funktionierte exakt in nur eine Richtung, ich hatte nicht mit der Hartnäckigkeit der anderen Familienmitglieder, was ihre Kochverweigerung anbelangt, gerechnet. Ich war die Einzige, die unter diesem Streik litt, meine Seele braucht täglich ein warmes Essen. Was also tat ich? Ich kochte mir Eier. Manchmal weich. Manchmal hart, dann machte ich mir dazu Salat. Vielleicht reichte das Grünzeug nicht aus, vielleicht handelte es sich um mehr Eier, als ich dachte, jedenfalls erlitt ich eine. Sie wissen schon. Schwere Geburt. Ich hatte rein gar nichts dazu gelernt.

Mein Gehirn stellte, gut zu sehen eigentlich, eine Warntafel auf: blauer Hintergrund, darauf ein senkrechter weißer Balken, gekrönt von einem horizontalen roten Balken. Keine Wendemöglichkeit. Sprich: Eier führen in eine Sackgasse (gilt für selbstgelegte, selbstverzehrte und auch für den anderen vorenthaltene).

Nach dieser, Sie wissen schon, ging es mir soweit wieder gut, aber ich hatte keinen Appetit mehr. Ich aß fast nichts. Auf einmal konnte ich auch nicht mehr schlafen. Das sind die Hormone, sagte F., sie kenne das. Ich bin fünfzig, klar bin ich im Wechsel, wahrscheinlich wird auch deshalb mein Koch- und Bedienhormon nicht mehr ausgeschüttet, dachte ich, und dass ich die Drüse, die das Hormon für die Deutung von Warnschildern ausschüttet, noch gar nie besessen habe. Langsam fühlte ich mich aufgrund des Schlafentzugs völlig entrückt. Wenn so mancher wüsste, dass man sich mit hartgekochten Eiern in einen derartig berauschten Zustand versetzen kann, würde er/sie dann noch Gras rauchen oder umsteigen? Was würde dann geschehen? Würde man das Halten von Hühnern verbieten? Oder nur das Eierlegen? Mein Gehirn enthielt sich seiner Stimme.

Nach fünf schaflosen Nächten rieten betagtere Freundinnen mir zu getrennten Betten, der Körper der reifen Frau brauche Ruhe für seine anstehenden Veränderungen. Es ergab sich, dass mein Mann ohnehin nicht da war. Tatsächlich schlief ich in der sechsten Nacht ein, um kurz darauf, in kalten Schweiß gebadet, auch schon wieder aufzuwachen. Das war neu und ich war fast ein bisschen stolz, dass mein reifer Frauenkörper jetzt tatsächlich in den gesellschaftsüblichen Varianten zu mir sprach, dachte, er hätte sich aus Schamgefühl nie getraut, sich dermaßen absondernd zu äußern. Ich war beruhigt und vergaß alle Eier und ihre jeweiligen Zusammenhänge. Vielleicht war das ein Fehler. Am darauffolgenden Abend grummelte es im Oberbauch, so als ob. Sie wissen schon. Mein letztes Abendmahl?

Ich hatte nur eine halbe trockene Semmel gegessen, musste mich aber trotzdem übergeben. Das kam mir seltsam vor, was sollte das mit dem Wechsel zu tun haben? Das war dann auch schon mein letzter Gedanke, danach nahm ich nur noch in Bildern wahr: Mindestens tausend kleine Männchen saßen verteilt auf allen Hausten und stachen mit spitzen Eierschalen auf dieselben ein. Mit Eierschalen! Wie verwegen! Ich nahm eine Tablette.

Die kleinen Waffen dieser kleinen Männchen stumpften nicht ab. Hatte ich denn diese Hühnerprodukte vor einer Woche samt Schalen gegessen? Und welch tragische Phase in meinem Leben wurde jetzt eingeleitet? Ich rief einen Freund an, zusammen gingen wir alle eventuellen letalen Szenarien durch. Es wurde ein langes Gespräch, da ich, was für ein Luxus für fünfzig, noch alle Organe besaß. Zum Schluss meinte er: Liebe, geh ins Krankenhaus, bevor ein Teil deiner Innereien durchbricht! Meine Innereien sind im eigentlichen Sinne meine Romane. Langsam kam ich mir wirklich wie in einem Schundroman vor: Heldin, einsam und verlassen, isst aus Selbstmitleid zu viele Eier und stirbt mit Telefon in der Hand. Wo war da die Pointe? (Mit der Katze wäre ich schon längst zum Tierarzt geeilt!) Ich folgte dem Rat meines Freundes. Bauch und Hirn stimmten kurz überein.

Der Portier sah mich an und fragte: Was ist mit Ihnen? Ich habe soo Bauchweh, flüsterte ich. Er antwortete: Der Chirurg kommt sofort. Das war dann doch eine unerwartete Antwort, aber im selben Moment ließ ich mich fallen: Er hätte mich gleich selbst operieren können, es hätte mir nichts ausgemacht. Er hingegen nahm meine Daten auf und wunderte sich, dass ich noch nie im Dornbirner Krankenhaus gewesen war. Kurz tauchte eine Erinnerung auf und verschwand wieder. Sag nur nichts von den Eiern, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Ich bin jetzt nicht mehr sicher, ob sie aus meinem Gehirn kam.

Ich wurde weitergereicht. Schnell. Unkompliziert. Von einem Mann zum anderen. Argwöhnisch betrachtete ich jeden Einzelnen, aber keiner war bewaffnet. Sie drückten auf meinem Bauch herum, liebevoll, vorsichtig, von manuell bis maschinell. Ultraschall. Der, der den Kopf führte und meine internen Bilder betrachtete, trug meinen Ledigennamen. Da fiel mir ein, dass ich in diesem Krankenhaus geboren worden war. Gutes Omen. Die Ärzte fanden nichts Verdächtiges. Ein Eierkarzinom im Wechselbauch, dessen Metastasen sich ins Gehirn erstrecken, steht auch nicht im Pschyrembel.

Es war eine Frau (Chirurgin), die mich dann kurz über meinem Bett schweben sah. Sie drückte links in den Bauch. Das tat weh, ja. Als sie losließ, fand ich mich an der Decke. Da vermutete ich, dass man im Sterben sich selbst bei selbigem zusehen könne. Sie vermutete eine Appendizitis, weil es im Loslassen rechts schmerzte. Blinddarm, Sackgasse an der Sackgasse! Ein zweiter weiblicher Engel (Anästhesistin) erschien und stellte mir Fragen über Fragen. Ich verschwieg die Eier, gab dafür aber mein Gewicht, Wein und Zigaretten zu. Zur Belohnung erhielt ich eine Tablette, die mich noch tiefer in den schon bestehenden Nebel tauchte: Eierschalen setzen sich aus einem Protein-Muccopolysaccharid-Komplex zusammen, in das Calciumcarbonat sowie geringe Mengen anderer Ca- und Mg-Salze eingelagert sind. Um Mitternacht schnitten sie mir drei Löcher in den Bauch und bliesen ihn mit Kohlendioxid auf: Ich hoffte, dass das nicht zu chemischen Komplikationen führte.

Morgens um vier standen die beiden vor meinem Bett, als ich die Augen aufschlug. Sie lachten mich fröhlich an, ich sei im OP mitten im Satz eingeschlafen (Totstellreflex, dachte ich). Sie erkundigten sich nach meinem Befinden. Ich spürte kurz in meinen Bauch und antwortete staunend: Ich bin völlig erleichtert! (Die kleinen Männchen mit ihren Kalkkomplexwaffen waren aus meinem Bauch verschwunden!) Da lachten sie noch mehr, und meinten: Kein Wunder! Kurz vor dem Durchbruch das hässliche Ding, angehende Bauchfellentzündung zudem. Aus meiner Euphorie wurde Dankbarkeit. Ich fühlte mich auferstanden.

Prompt kam der Kranken­hausseelsorger vorbei. Er wirkte müde, vielleicht hatte er einen Sterbenden begleitet. Als er ging, fiel mir ein, dass ich in diesem Krankenhaus sogar getauft worden war. Schloss sich da ein Kreis? Geburt, Taufe, Leiden, Sterben und Auferstehung in einer einzigen Nacht. Das ist das Leben. Und plötzlich kam mir der innere Zusammenhalt dieser Ereignisse durch die Eier abhanden. Ich fühlte mich zusehends wieder normal. Unverfolgt, sozusagen. Dennoch beschloss ich, sämtliche sich zu Hause angesammelten Eier bald fröhlich anzumalen, und sie zu Ostern zu verschenken.

Als ich dann nach fünf Tagen langsam durch das Foyer meinen Heimweg antrat, fiel mein Blick auf die wunderbaren Schwarz-Weiß-Fotos von Nikolaus Walter. Kunst am Bau, die Bilder wirkten auf meine Seele. Vor zwei Jahren hatte ich selbst einen Text für das Krankenhaus Bludenz geschrieben. Er handelte damals schon von meinen Bauchschmerzen, soviel wusste ich noch. Dankbar ging ich durch die Tür.

Zuhause las ich besagten Text nach:

gestern habe ich den tod begrüßt. machst du dich bereit für ein zweites leben, fragte er mich. die angst schnürte mir die kehle zu. die angst zupfte an meinem rechten augenwinkel, sie drehte mir den magen um und ließ mich schwindeln. die angst war eine faust, drei finger unter meinem nabel, innen, als hätte der tod mich dorthin geküsst. wie wehen krampften die erinnerungen, traurigkeit, kummer, leid. da nahm ich ein buch und las: man solle die arme ausbreiten, als hieße eine mutter ihr kind, ihr in die arme zu springen. ich tat, was ich las. so stehe ich immer noch, mit ausgebreiteten armen, wartend auf dieses kind, auf seinen mut. wenn es springt, werde ich es auffangen, halten, es wiegen. ich stehe da, bereit. wenn du springst, in meine offenen arme, werde ich sie um dich schließen. in lauter freude werde ich mit dir weinen. stiller werde ich dir sagen: ich liebe dich. ich liebe dich.

Mir wurde klar, dass die ganze Zeit eine große Angst in mir gewesen war – ich hatte sie mir nur nie zugestanden. Sie ist immer noch da. Sie ist nicht die Angst vor dem Tod. Sie ist die Angst vor dem Leben.

Zur Person

Gabriele Bösch

Geboren: 1964, aufgewachsen in Koblach

Wohnort: Hohenems

Tätigkeit: Schriftstellerin, Literaturvermittlerin

Werke: Romane „Der geometrische Himmel“, „Schattenfuge“, Theaterstücke, Hörspiele

Auszeichnung: Literaturstipendium des Landes, Zweite beim Prosapreis Brixen-Hall

Familie: verheiratet, fünf Kinder

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.