Breite Vielfalt, starke Gegensätze

von Fritz Jurmann
Das Russische Nationalorchester mit dem Solisten Sergej Krylov.  Foto: JU  
Das Russische Nationalorchester mit dem Solisten Sergej Krylov. Foto: JU  

Das Meisterkonzerte-Publikum erlebte ein Wechselbad von hart bis heiter.

BREGENZ. Beides war russische Musik, authentisch dargeboten von russischen Musikern. Dennoch hätte beim jüngsten Meisterkonzert der Gegensatz zwischen Schostakowitsch und Tschaikowsky nicht größer sein können, zwischen aufregender Kompaktheit und trivialem Schönklang. Das renommierte, vor 25 Jahren gegründete Russische Nationalorchester unter seinem Chef, dem Pianisten Mikhail Pletnev, behandelte beide Werke so delikat und gekonnt wie kostbare Edelsteine. Sergej Krylov sorgte als Solist mit seiner Violine zudem für Glanzpunkte und Erstaunen.

Man muss die Musik Schostakowitschs gar nicht besonders mögen, aber man muss sie in ihrer Zwielichtigkeit von Anpassung und Aufmüpfigkeit respektieren als wichtigen Fels in der Musik des 20. Jahrhunderts. Vor allem, wenn ein Werk wie dieses Violinkonzert Nr. 1 a-Moll bei seiner Entstehung 1948 so sehr von politischen Zwängen in der damaligen Sowjet­union bestimmt war. Durch seinen Freund Mieczyslaw Weinberg, den die Festspiele 2010 mit seiner Oper „Die Passagierin“ wiederentdeckten, erfuhr Schostakowitsch vom Reiz jüdischer Volksmelodien und baute diese in das Werk ein. Eine sofortige Veröffentlichung hätte in der antisemitischen Stimmung damals freilich zweifellos Repressalien durch die Kulturbehörden nach sich gezogen. So wartete der Komponist auch Stalins Tod ab und wagte erst 1955 den Schritt in den Konzertsaal.

Die stille, in sich gekehrte dunkle Schönheit der langsamen, die Schärfe und Wildheit der beiden schnellen Sätze nehmen noch heute unmittelbar gefangen, vor allem wenn sie in so unverblümter und ungekünstelter Ausdruckskraft entstehen wie hier. Sergej Krylov (44) und Mikhail Pletnev (57) mit seinem Toporchester sind sich bis ins kleine Detail einig, wie man Schostakowitschs so persönliche herbe Sprache heute effektvoll zum Klingen bringt und verständlich macht. Dass Krylov dabei seinem Ruf als „Teufelsgeiger“ gerecht wird und das Werk komplett auswendig und auch in den vertracktesten Passagen überlegen sauber, aber hoch musikalisch und mit berückendem Ton spielt, wird nicht zuletzt durch seine Zugabe erhärtet. Auf seinen vier Violinsaiten wird er in der zehnminütigen Orgel-Toccata und Fuge in d-Moll von Bach zum Hasardeur, dass einem fast das Herz stehenbleibt.

Brillante Orchesterkultur

Ballettmusik ohne Ballett (ein von Pletnev gewähltes Potpourri aus „Dornröschen“) ist so etwas wie Gemüsesuppe ohne Gemüse und für manche nach diesen aufwühlenden Klängen fast wie eine lauwarme Dusche. Die Musiker mildern freilich in perfekt gestylter, brillanter Orchesterkultur diesen Eindruck, indem ihr Dirigent diese schwelgerische Gebrauchsmusik mit viel Leidenschaft überhöht, ihr damit temporeich auf die Beine hilft und oftmals sogar knallig jede falsche Süßlichkeit und Banalität austreibt. Sogar der berühmte Walzer im Zentrum kommt bei aller Zärtlichkeit eines verliebten Pas de Deux fast ohne die gängigen künstlich aufgeblähten Dehnungen aus. Das ist natürlich eine durchaus plausible Möglichkeit, auch mit solchem Repertoire ein Publikum zu begeistern.

Nächstes Bregenzer Meisterkonzert: 10. Mai, 19.30 Uhr, Festspielhaus – „Apollo’s Fire“ & Sandrine Piau, Sopran (Vivaldi, Händel, Rameau)

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.