Ordnung muss sein in den Molkerei’n

von Petra Nachbaur
„Am Beispiel der Butter“ von Ferdinand Schmalz wurde am Theater Kosmos uraufgeführt, bevor das Stück dann auch am Wiener Burgtheater gespielt wurde.  Foto: VN/Steurer
„Am Beispiel der Butter“ von Ferdinand Schmalz wurde am Theater Kosmos uraufgeführt, bevor das Stück dann auch am Wiener Burgtheater gespielt wurde. Foto: VN/Steurer

Österreichische ­Erstaufführung von Ferdinand Schmalz am Theater Kosmos.

Bregenz. Es gibt ein Gedicht von Franz Hohler, darin malt der Schweizer „alles us Chäs“. Diese Welt wirkt erst gschmackig-putzig, wird immer trister, zuletzt bedrohlich. Bis ins Käsestadium dringt das Drama des Obersteirers Ferdinand Schmalz nicht vor. Aber Milch, Joghurt und klassisches, in Klotzform verbreitetes Streichfett sind die Trägersubstanzen seines Stücks „Am Beispiel der Butter“. Im März in Leipzig uraufgeführt und prompt nach Mülheim eingeladen, gelangte der als „länger haltbar“ einzustufende Text zur österreichischen Erstaufführung im Vorarlberger Mariahilf – ein weiterer Coup des Theater Kosmos.

Zwei Liebe, drei Fiese – da geht sich ein Happy End schon rein rechnerisch schwer aus. Adi (gut) begnügt sich nicht damit, im Molkereibetrieb zu „schöpfen“, wie junge Menschen das Jobben hierzulande früher bezeichneten. Er hat Ideen von einer anderen Welt und einem anderen Miteinander, und er ist eher Künstler als Betriebsrat. Er plant eine große, geballte Faust aus veruntreuter Butter und verabreicht subversive Energie löffelweise im Pendlerzug: Das Mitarbeiterjoghurt, „Natur“ natürlich, wird auch im Zuschauersaal großzügig verteilt. Die neue Kollegin Karina (gut) mag den Adi und seine Träume. Argwöhnisch belauert werden die jungen Leute von Jenny, der Wirtin (böse). Ein Dorn im Aug’ sind sie auch dem mit der Kamera, dem Marketingmann Huber (böser). Und erst recht dem mit dem Hobbykeller, dem Bullenschwein Hans (am bösesten).

Sehr ausgeklügelt

Schließlich stellt sich der Zweier-Verschworenheit eine Dreier-Verschwörung entgegen: Nicht, dass noch eine Masse sich in irgendeiner Form erhebt . . .! Wortreich und mit Carl Schmitt an Bord wird die Legitimation der Gewalt vom Polizisten ausgebreitet und besoffen benickt von seinen Handlangern, die ureigene kriminelle Kreativität einbringen können. Regisseur Stephan Kasimir bringt leise Teilbotschaften seiner Inszenierungen gern und sehr ausgeklügelt über lauten Sound an. Diesmal lässt er uns wissen: „Hope is not enough“. Die britische Band, die das singt, gilt als historisch interessiert und firm in Fragen der Arbeiterbewegung. Weniger subtil als die Andeutung dieses Zusammenhangs ist die Figurenzeichnung: Nur Nette und Schlechte. Chris Mancins Adi ist so harmlos und sympathisch, dass die Kunstsprache fast in Alltagssprechen kippt. Hubert Dragaschnig und Anwar Kashlan geben die Bösewichte zwar bisweilen der Lächerlichkeit preis, schrammen aber auch am Klischee entlang. Den weiblichen Kontrahentinnen Tina Winkler und Martina Spitzer, beide erstmals am Theater Kosmos engagiert, sind weitere Engagements mit mehr Facetten zu wünschen: Sie haben sichtlich mehr drauf als die Neckische, die was will vom Leben, und das alte Luder, von dem niemand mehr was will außer Schnaps – und Beihilfe zum Mord.

Caro Stark schreibt ihrem Bühnenbild spöttisch verfremdete Ordens- und Alpenvereinsregeln ein. Und sie baut mit überdimensionierten Butterziegeln – in lieblos aufgerissener Glanzverpackung: liegend als Bett (mit elegantem Butterlöckchen als Nackenrolle), hochkant als Bahnhofsbar. Nachdem Adi und Karina, auf dem Heimweg von der Schicht, wie Hänsel und Gretel dort gelandet sind, mündet der Hinterhalt in eine Meta-Szene mit Äsops Fabel von den zwei Fröschen. Hier kommt Schmalzs Sprache zur Geltung, der die Inszenierung auf verschiedene Arten Rechnung trägt: Butter und Buzzer haben ein buchstäbliches Nahverhältnis, und so kündigt jeweils ein Schlag auf den roten Dröhneknopf die Monologe an. Dem Gewaltexzess – hallo, Lärm, hallo Stroboskop! – folgt eine Prise Splatter. Da wird das Blut mit dem getränkten Putzschwämmchen auf Hubers Gfriss gespritzt. Und ein berührender Auftritt der toten Karina, im höhensonnengelben Totaloverall: So vergoldet, tastet sie sich vor zum Ort der Hoffnung und trifft dort noch einmal auf Adi. Dem gelingt es, ihren Kopf freizulegen für einen klassischen Filmkuss. Nur geträumt? Die Exekutive hat das letzte Wort, und dann winken alle ziemlich blöd und Hansi Hinterseer singt: „Bei uns heißt das: Servus, mach’s guat!“ – „Mach’s besser!“ erwidern da bekanntlich die ganz die Originellen.

Weitere Aufführungen vom 12. April bis 10. Mai im Theater Kosmos (shed 8, Mariahilferstraße) in Bregenz

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