Lesbar. Empfehlungen von Martin G. Wanko

Mit dem Blick auf die 1920er-Jahre

Verbrechen hat immer Saison, doch London war einmal ein Dorado für Krimi-Autoren.

krimi. Der Spielraum war damals zudem größer als heute, denn weder auf DNA-Analysen noch auf Profiling mussten Autoren achten. C.S. Forester war damals ein gefragter englischer Krimi-Autor. Vor geraumer Zeit wurde er wiederentdeckt, „Gnadenlose Gier“ ist nun die zweite Neuübersetzung.

Wenig Mut

In einer Londoner Werbeagentur haben drei Angestellte ein krummes Ding gedreht. Der Geschäftsführer kam ihnen dabei auf die Schliche und will sie nun verpfeifen. Doch noch bevor er dies tun kann, wird er auch schon vom kaltblütigen Morris erschossen. Der schnörkellose, gerade Plot ist fast schon zu nett für einen heutigen Krimi. Nicht weiter problematisch, wären in der Neuübersetzung die Erzählpassagen des Autors etwas kürzer gehalten worden. Diese ermüden und stören den Lesefluss, auch die Charakterisierung der Protagonisten ist redundant. Gerade die moralisierende Meinung des Autors führt hier zu ungewollter Komik und hinterlässt einen altertümlichen Eindruck.

Daniel Woodrell ist kein Unbekannter mehr. Er wurde bereits mit dem Preis des amerikanischen P.E.N. geehrt. Die Verfilmung seines Romans „Winters Knochen“ wurde für vier Oscars nominiert. „In Almas Augen“ heißt sein aktueller Roman, auch dieser legt eine Verfilmung nahe.

Zum Inhalt: In einer Kleinstadt im tiefen Amerika kommt es im Sommer 1929 zu einer folgenschweren Katastrophe. Bei einer Tanzveranstaltung werden durch eine Explosion über 40 Menschen getötet. Die Ermittlungen verlaufen im Sand, nur Alma, eine Dienstmagd, will nicht an Zufall glauben. Angetrieben vom Tod ihrer Schwester Ruby, versucht sie das Unglück zu enträtseln, doch im Angesicht der Großen Depression will man ihr kein Gehör schenken – bis ihr Enkel kommt und die wirren Geschichten zu einem sagenhaften Plot verknüpft.

Aufwühlende Story

Woodrell ist ein gewissenhafter Rechercheur und ein gnadenloser Schilderer der kleinen und großen Schicksale: So schuf er ein glaubhaftes und zugleich vitales Bildnis der irischen Auswanderer. Er führt den Leser mit großem Gefühl an den Abgrund, zeigt, ohne mit der Wimper zu zucken, wozu Menschen in Extremsituationen fähig sind. Manchmal hat man als Leser das Gefühl, Woodrell nimmt seinen geschundenen Protagonisten die Beichte ab und entlässt sie in Frieden. Friede, ein fast zu gütiges Wort für einen Roman, der vor Unruhe nur so strotzt. Der Autor arbeitet sich durch drei Zeitebenen.

Fast lustvoll nähert er sich immer wieder der Katastrophe, um erneut von ihr Abstand zu nehmen. Von einem Epos zu sprechen, wäre übertrieben, aber gerade die knapp gehaltene Geschichte lässt dem Leser viel gedanklichen Spielraum.

C.S. Forester
Gnadenlose Gier
Deutscher Taschenbuch Verlag
257 Seiten
C.S. Forester Gnadenlose Gier Deutscher Taschenbuch Verlag 257 Seiten
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