Heldenkitsch entlarvt

von Meinrad Pichler
   
   

Die Historikerin Christa Hämmerle bereichert die Publikationen zum Ersten Weltkrieg.

Sachbuch. Frauenarbeit – so Hämmerle – trat mit Kriegsbeginn „aus dem Schatten der Hausarbeit ins Licht der Öffentlichkeit“. Besonders das Handarbeiten erhielt vorübergehende Wertschätzung. Deshalb ließen sich Frauen mobilisieren. Millionen von ihnen nähten Wäsche für den militärischen Bedarf. Im Bedürfnis, der großen nationalen Sache noch hilfreicher zu sein, meldeten sich auch in Österreich Tausende von Frauen als Kriegskrankenschwestern. Viele drängte es, von diesen elementaren Erlebnissen und in Wirklichkeit unbeschreiblichen Erfahrungen Zeugnis zu geben. An solchen authentischen Berichten, darunter auch dem der Bregenzerin Agathe Fessler, zeigt Hämmerle nicht nur die Belastungen, sondern auch die zunehmende Desillusionierung der Frauen.

Auch die durch den Krieg strapazierten Beziehungen zwischen Männern und Frauen werden am Beispiel der Feldpostbriefe  untersucht. Dabei wird auch deutlich, wie eng Front und Heimat ineinander verschränkt waren. Kontinuitäten von Soldatenleitbildern des Ersten Weltkriegs bis hin zum National­sozialismus werden am Beispiel des österreichischen Kriegsschriftstellers Fritz Weber untersucht. Inhaltlich transportiert Weber die Legende von der Unbesiegtheit der Armee und formal versteigt er sich in den heroischen Kitsch, wie er in den 1920er-Jahren wucherte. Im Dolomitenkrieg sah er ein „urzeitliches Ringen Mann gegen Mann, ein Ringen, in das die Natur sich mit übermächtigen Gewalten mischte und das Wüten der Menschen untereinander zu einem großartigen Heldenlied steigerte.“ Bereits im Jahr 1933 trat der Verehrer der k. u. k. Armee der NSDAP bei, setzte sich 1934 ins „Altreich“ ab und marschierte 1938 mit den Deutschen Truppen in Österreich ein. Auch nach dem zweiten kriegerischen Desaster verdiente Weber mit dem gleichen Heldenkitsch gutes Geld. Bei Hämmerle wird diese ungebrochene Traditionslinie am Beispiel Weber schlüssig aufgezeigt. Zugleich liefert sie damit einen Nachweis dafür, wie ehemalige k. u. k. Offiziere die Kriegsgeschichtsschreibung ab 1919 bestimmt haben; mit der Folge, dass sich ihre Mär von der „unbesiegten Armee“ und dem schwach gewordenen Hinterland in der Erinnerungskultur verfestigen konnte. Vom Standpunkt der Geschlechtergeschichte aus gesehen – so Hämmerle – diente diese Form der Offiziersgeschichtsschreibung auch dazu, die Frauen wieder aus jenen öffentlichen Teilnahmefeldern, in denen sie sich durch Kriegsnotwendigkeit bewährt hatten, zu verdrängen.

Christa Hämmerle: „Heimat/Front. Geschlechtergeschichte/n des Ersten Weltkriegs in Österreich-Ungarn“, Böhlau Verlag Wien 2014, 280 Seiten

Die Vorarlberger Historikerin Christa Hämmerle untersuchte auch den Alltag im Ersten Weltkrieg.  Foto: dpa
Die Vorarlberger Historikerin Christa Hämmerle untersuchte auch den Alltag im Ersten Weltkrieg. Foto: dpa
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