autorenbeitrag. Verena Rossbacher (34)

Lustmolch sagt man auch nicht mehr

Akteure aus Vorarlberg erarbeiten in Feldkirch nun ein Bühnenstück von Verena Rossbacher.
Akteure aus Vorarlberg erarbeiten in Feldkirch nun ein Bühnenstück von Verena Rossbacher.

A (Autorin): Ich finde das alles grässlich.

R (Regisseur): Das ist immerhin alles auf deinem Mist gewachsen, bitteschön!

A: Kann schon sein. Ist trotzdem grässlich. Schluss mit dem Beziehungsschmuh! Ich finde, wir sollten einen schönen, bunten Abend machen, ich stelle mir das folgendermassen vor: Alexander von Lenau und Frederik Sydow treffen sich im Saumarktcafé.

R: Sydow? Der kommt in dem Stück überhaupt nicht vor!

A: Jetzt schon.

R: So viele Schauspieler haben wir nicht, nimm den Gabriel.

A: Hör doch auf mit so Lappalien, also, Sydow, langjähriger Student der Allerneuesten Deutschen Literatur.

R: Man könnte doch das hin und her zwischen den beiden Ebenen noch verstärken, z.B. so: Die Autorin verkündet mit dem obigen Satz, dass ab sofort eine Figur namens Sydow in dem Stück mitspielt. Sie packt einen Darsteller, der gleich mal eine kleine Szene als Sydow spielen muss, z.B. die Stelle, an der er sich aus dem Schal auswickelt oder er muss schon mal ein bisschen alleine Zeitungslesen.

A: Genau, so machen wir es!

Sydow: Er will die Brille mit seinem Wollschal putzen, lässt es dann aber bleiben. Er knöpft sich den Mantel auf und wickelt sich den Schal vom Hals. Dieser ist endlos lang. Das nervt kolossal, dieser elends lange Schal nervt einfach, er ist, ungewickelt und entrollt, unverschämt lang, sicher an die zweieinhalb Meter, eher mehr, und kolossal, auch kolossal ist ein bescheuertes Wort, heute fallen mir nur grauslige Wörter ein, proppenvoll, kolossal, kolossal sagte kein Mensch. Er stopfte den Schal in den linken Mantelärmel. Während dessen wird vorne schon die Bühne aufgebaut für das kommende Stück. Natürlich passt gar nicht alles rein, natürlich nicht, wie sollen drei Meter Schal in 80 cm Ärmel passen. Dieser Schal ist ein Skandal, wenn ich nicht so ein netter Mensch wäre, würde ich meine Oma darin einwickeln und erst im Frühjahr wieder auswickeln. Er wickelt ausführlich den Schal um den Stuhl und nimmt sich eine Zeitung, blättert darin. Das Wetter bleibt, wie es ist, wieso auch nicht. Die Seite der deutsch-französischen Freundschaft. Ich lese gerne die Seite der deutsch-französischen Freundschaft, immer umarmen sich auf der Seite der deutsch-französischen Freundschaft Deutsche und Franzosen im Namen der Freundschaft. Entdeckt eine Meldung. Das Pariser Naturkundemuseum gibt den Tod der Riesenschildkröte Kiki bekannt, sie ist vor drei Tagen im Alter von 146 Jahren verschieden. Kiki war, schreibt der Direktor elegisch in einem offenen Brief an seinen deutschen Freund und Kollegen im Naturkundemuseum Berlin, berühmt für ihre demonstrativen, von lauten Grunzlauten begleiteten Liebesspiele, die im Jardin des Plantes widerhallten. War sie anfangs, erinnerten sich alte Museumsangestellte . . .

Lenau: Nachdem er bisher nur geschwiegen und Sydow nicht beachtet hat, hebt er den Blick und sagt streng: Sehr sehr sehr alte.

Sydow: War sie anfangs, erinnerten sich sehr sehr sehr alte Museumsangestellte, noch in einer Schubkarre zu ihren Gespielen gefahren worden, habe das später, wegen ihres beträchtlich umfangreicheren Gewichts und Umfangs, ein fest angestellter Gabelstapler bewerkstelligt, er heißt Jean-Jacques Guignol und ist in tiefer Trauer.

Autorin: Lenau, der nach dem Klaradebakel im großen Stil die Nerven verlor – Stalken, Pöbeln, Marodieren – verbrachte die letzten Wochen in der Valduna und vertöpferte in einer Gestalttherapie seine Probleme. Mach mal!

Lenau stürzt sich zu Boden, verliert im großen Stil die Nerven.

Auftritt Wankelmus, äh -mut, Professor Wankelmut mit dem Töpfernotfallset. Er wirft gekonnt einen Klumpen Ton in die Luft, schlägt darunter einen Salto, fängt ihn auf, jongliert, formt, schleudert, turnt und ertöpfert im Laufe des weiteren Abends das Wort: Klaradebakel, das er am vorderen Rand der Bühne aufbaut.

A: Noch ein Wort zu Sydow. Sein Lieblingsthema sind Frauen an sich und heute die Frau im Speziellen, Anna Snozzi nämlich, die schmalhüftige Kellnerin im Saumarkt. Die Klara kann ja die Anna machen, das geht fix. Sydow jedenfalls hat den Plan, mit Anna Snozzi der serbelnden Geburtenraten auf die Sprünge zu helfen.

R: Anna Snozzi? Die Kellnerin vom Saumarkt? Ich glaube nicht, dass die bei dem Unsinn hier mittun will. Und was ist mit ihrem Mann? Was ist mit Wolfgang Snozzi? Der bespielt übrigens gerade mit seiner Laientheatergruppe das Theater im Saumarkt, im Übrigen ist Anna Snozzi schon schwanger, aber eben von Snozzi.

A: Um so besser, das macht Stimmung. Was denn bitte für eine Laientheatergruppe.

Alle unten genannten treten nach und nach auf, wärmen sich schon mal mit zwei Liedern auf, Wolfgang Snozzi gibt die ein oder anderen Anweisungen. Fortan läuft vorne auf der Bühne die Inszenierung des Stücks Der arme Josef, allerdings so leise, dass man nur den ein oder anderen Satzfetzen mitkriegt, einzelne Sätze aus dem Monolog schwappen dann und wann herüber, im Übrigen sieht man die Schauspieler nur werkeln und ab und an singt der Chor ein schönes Lied.

R: Naja, die üblichen Verdächtigen, türkisch-stämmige Jugendliche aus Problembezirken, ehemalige Neonazis im Resozialisierungsprogramm. Sie tragen – ich gedenke das übrigens für eines meiner eigenen Stücke aufzunehmen – sie tragen schmelzende Eisblöcke in den Händen und singen den Klagechor des vertriebenen Volkes aus Israel. Tatkräftig unterstützt vom Seniorenverein Zum weißen Rössel, meine Oma macht auch mit.

A: Spannend. Schaut eine Zeit lang dem Stück zu, das vorne nun geprobt wird. Und was spielen die da so?

R: Der arme Josef heißt es, es schildert auf anschauliche Weise die gefühlvolle Begegnung zwischen der Jungfrau Maria und dem Engel Gabriel und dem, was wirklich geschah, damals in Nazaret.

Auf der Bühne spielen sie nun Der arme Josef. Der Engel Gabriel kommt mit einer frohen Botschaft und Maria ist fassungslos und höchst perplex. Klare Sache: Gabriel muss sie unbedingt beruhigen und Verführung ist die beste Ablenkung. Alles nimmt seinen interessanten Lauf.

A: Das ist doch ein super Setting, also pass auf, hinten an den Tischen sitzen Sydow und Lenau, Sydow versucht auf rührende Weise, Anna Snozzi von seinen Vorzügen zu überzeugen, vorne auf der Bühne nimmt diese ungeheuerliche Handlung, ergreifend umgesetzt von den unverfälschten Schauspielern, ihren dramatischen Lauf. Plötzlich aber fängt Alexander von Lenau an, irritiert von den außerordentlichen Geschehnissen vorne, sich ungebührlich einzumischen. Er hegt den schlimmen Verdacht, die Inszenierung sei eine Persiflage auf seine eigene, düstere Geschichte mit Klara und die komplizierte Dreiecksgeschichte mit dem eigentlichen Kindsvater ihres Sohnes Leopold.

Lenau: Sag mal, was geht da vorne eigentlich ab?

Sydow: Keine Ahnung, irgendein Bibelverschnitt. Ich glaube, es geht im Großen und Ganzen darum, dass Jesus nicht von Gott gezeugt wurde sondern vom Engel Gabriel, ein Blödsinn halt. Nimmt sich eine Zeitung, blättert darin. Das Wetter bleibt, wie es ist, wieso auch nicht.

Lenau: Bibelverschnitt? Ich weiß nicht, mir kommt das alles unangenehm bekannt vor, da die Hauptdarstellerin-

Sydow: Das ist Maria, die Mama vom Jesus.

Entdeckt eine neue Meldung.

Bei den Schnellbahnen der öffentlichen Verkehrsbetriebe gehen während der Fahrt die Türen auf, Reisende fallen hinaus, die Türen gehen wieder zu. Die Vorsitzenden der öffentlichen Verkehrsbetriebe sagen, sie könnten sich das auch nicht erklären.

Lenau: Maria? Willst du mich verscheißern? Das ist doch Klara, jede Wette! Und unser Kind heißt Leopold!

Sydow: Ich denke, es war eh nicht von dir. Und Maria, die Frau heißt Maria. Ihr Mann heißt eigentlich Josef aber in dem Stück hat sie was mit Gabriel, schau am besten gar nicht hin, ist modernes Theater, ganz übles Zeug.

Entdeckt eine neue Meldung.

Das Amt für Statistik hat ausgerechnet, es seien im letzten Jahr rund 20.000 Kinder weniger auf die Welt gekommen als im Jahr davor und damit wiederum nur halb so viele wie vor 50 Jahren. Das liegt, vermuten Experten, zum einen daran, dass Frauen weniger Babys bekämen.

Lenau: Gabriel. Hier ist er also.

Sydow: Das ist doch Wolfgang Snozzi, der den spielt, warum er einen Indianerschmuck trägt, weiß ich nicht. Er liest den Artikel ganz langsam und sorgfältig noch einmal.

Das liegt, vermuten Experten, zum einen daran, dass Frauen weniger Babys bekämen. Er blättert eine Seite vor, blättert zurück. Hm.

Er nimmt die Brille ab und beginnt sie in seinem Pullover zu reiben

Lenau: Snozzi, Snozzi, ich weiß doch, wie der Snozzi aussieht, so jedenfalls nicht!

Sydow: Zum einen, zum andern. Das ist nur der Indianerschmuck, das täuscht.

Er nimmt die Brille wieder ab, haucht sie an und zieht sein Unterhemd aus der Hose, poliert an den Gläsern.

Zum einen, zum andern. Zum einen liegt es daran, dass die Frauen weniger Babys bekommen. Was nun, ihr Experten? Euch mangelt es an Babys? Ich war es nicht. Schickt die Frauen zu mir.

Lenau: Der Hund, der blöde.

Sydow: Ach, Wolfang Snozzi ist schon in Ordnung, sicher, er hat eine furchtbare Frisur – der Indianerschmuck täuscht uns nicht darüber hinweg – er macht grässliches Theater und hat einen unmöglichen Namen, aber sonst. Er blättert weiter in der Zeitung.

Schon wieder ein Bus mit einer gesamten Schulklasse ausgebrannt, wir können uns das, sagen die Vorsitzenden der Verkehrsbetriebe, auch nicht, usw., die Vorsitzenden der Verkehrsbetriebe können sich so was einfach auch nicht erklären. Und dabei: Kinder sind in unserem Land ein rares Gut, die Geburtenrate geht stündlich zurück, wir können uns diese Verkehrsbetriebe im Grunde gar nicht leisten. Er blättert weiter. Vorne spitzt sich alles dramatisch zu, der Klagechor singt, das Eis schmilzt und Maria ist schon fast besiegt.

Lenau: Kommt der einfach so daher und spannt mir die Frau aus, kommt der einfach so mir nichts dir nichts –

Anna, die Kellnerin kommt an den Tisch.

Anna: Das ist schön, dass du dich weiter bildest.

Sydow: Ja, geht so, Bildung ist ein zweischneidiges Schwert. Anna schenkt ihm Kaffee ein. Sydow betrachtet nachdenklich die Tasse.

Diese ungeheuer bauchigen Tassen. Auf manchen stampfen Mädchen mit geschürzten Röcken und strammen Waden in Zubern voller Trauben, dann wieder zieht ein knochiger Ochs einen Karren mit Heu immer im Tassenrund herum. Er hält sich seine Tasse vors Gesicht. Heute trägt auf meiner Tasse ein gebückter Sämann einen Schlapphut und säht irgendwas, dem Sonnenuntergang entgegen. Grässlich.

Anna: Das sind provençalische Motive.

Sydow: Die Hässlichkeit hat also einen Namen.

Anna: Hast du schlechte Laune?

Sydow: Nein, das nennt man provencalische Motive.

Anna: Ich meine deine Laune, hast du schlechte Laune.

Sydow: Eben, das nennt man provencalische Motive.

Anna: Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?

Sydow: Keine Laus, in meinem Inneren sieht es exakt so aus wie auf den bauchigen Tassen, mir ist ein französisches Bauernmädel mit dicken Waden über die Leber gelaufen, trampelt dort herum. In meinem Inneren karrt ein Ochse Heu herum, immer rundherum, das hat überhaupt keinen Sinn. In meinem Inneren zieht sich der Sähmann zum Pflügen und Dreschen jeweils eine andere Hose an, aber ich erkenne trotzdem, dass es immer derselbe ist. Es ist ein Ein-Mann-Betrieb, mich kann man nicht täuschen, er kann sich nicht mal Angestellte leisten. Immerhin drei verschiedene Hosen, das ist schon was.

Lenau: Da! Jetzt hat er ihr doch glatt an den Hintern gefasst, so ein Lustmolch! Zu Sydow; Brauchst du Geld? Er nestelt an seiner Hosentasche.

Sydow: Nestle nicht, heutzutage nestelt man nicht mehr. Ich brauch kein Geld. Und Lustmolch sagt man auch nicht mehr.

Anna: Was ist denn los mit Alexander?

Die Premiere des Stücks „Mord am Popocatepetl“ nach Texten von Verena Rossbacher findet am
21. November, 20 Uhr, im Alten Hallenbad in Feldkirch statt

Zur Person

Verena Rossbacher

Geboren: 1979 in Bludenz

Ausbildung: Studium Philosophie, Germanistik und Theologie in Zürich sowie Studium am Literaturinstitut Leipzig

Publikationen: Roman „Verlangen nach Drachen“, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, im Frühjahr 2014 erscheint ihr Roman „Schwätzen und Schlachten“

Wohnort: u. a. Berlin

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